Samstag, 1. Februar 2014

Fernweh







“If I find in myself a desire which no experience in this world can satisfy,

the most probable explanation is that I was made for another world.”

C.S. Lewis




Wenn ich erst Kleidergröße 38 habe, werde ich mich wohlfühlen. Hätte ich doch mehr Fremdsprachen richtig gelernt! Wenn Noemi dann sprechen kann, wird alles einfacher. Und wenn ich mit ihr backen, basteln, malen … kann, wird es lustiger. Ab morgen esse ich weniger Schokolade. Ich hätte doch lieber vernünftig auf Lehramt studieren sollen. Wenn das Kind (bzw. die Kinder) aus dem Haus sind, werden Falko und ich auch wieder mehr Zeit miteinander verbringen. Ich sollte mich jetzt mal vom Computer losreißen und mit meinem kleinen Mädchen spielen. Ich hätte die Anfangszeit mit ihr mehr genießen sollen.




Hätte, hätte, Fahrradkette…




Mich verfolgt der Konjunktiv. Die Sehnsucht nach einem besseren Leben, später. Die Wenns, Würdes, Hättes und Solltes kleben an mir wie der Zuckerguss am Kuchen und ich werde sie einfach nicht los. Die Erwartungen sind riesig, die Enttäuschungen sind es auch. Manchmal sind sie übermächtig. Und dann ist da noch die Reue über all das Verpasste, Nicht-Getane, Vermasselte. Deshalb habe ich so oft das Gefühl, gar nicht richtig zu leben. Das Leben zieht an mir vorbei, ich will danach greifen, aber mein Arm steckt irgendwie fest, da hat sich ein Konjunktiv dran festgebissen. Oder die Vergangenheit. Oder ein Traum von der Zukunft.


Aber Gott bleibt dran, da bin ich mir sicher. Ich glaube, das ist gerade meine Lektion, die ich lernen darf. Jedenfalls stellt Gott ganz schön viele Schilder für mich auf. Blinkend-bunte Leuchtreklame. Vielleicht habt ihr diesen Artikel über das Sich-Beeilen auch schon über Facebook entdeckt. In dem es darum geht, dass eine Mutter von ihrer kleinen Tochter lernt, sich nicht mehr ständig zu beeilen, sondern das Leben zu genießen, auch die ganz kleinen Momente. Schließlich stolperte ich über einen Blogeintrag von Shauna Niequist, die schreibt: „Should is a warning sign, frankly. When you’re using the word should more and more often, it’s a sign that you’re living further and further from your truest, best self, a sign that you’re living for some other set of parameters or affirmations that you think will bring you happiness. This is what I know: SHOULD never brings happiness.” Oh ja, das weiß ich selbst nur zu gut. 

Und dann sind da noch diese Augenblicke im Alltag, wo man sich plötzlich über sich selbst klar wird. Zum Beispiel am Mittwoch, als Noemi ihren Brei lieber in der Gegend herumspotzelte anstatt ihn brav runterzuschlucken und wir deshalb (mal wieder) zu spät zu PEKiP aufbrachen. Ich schob trotzig den Kinderwagen durch den Schneematsch und fühlte mich so gestresst, ärgerte mich über meine eigene Unfähigkeit zur Pünktlichkeit (nur dieses eine Mal!) – und dann war es, als würde Gott mir auf die Schulter tippen und sagen: „Sag mal, Mädel, merkst du eigentlich was? Du hetzt hier zum PEKiP, als würde dein Leben erst dann beginnen, wenn du dort angekommen bist. Aber das hier ist auch dein Leben, dieser Weg, dein Kind im Kinderwagen, der Schneematsch, die Menschen, die dir entgegen kommen, die Sonnenstrahlen, der Gartenzwerg auf dem Fensterbrett.“  Ach, du hast so Recht, Papa! 

Das alles ist mein Leben: Ein Kind, das jetzt von mir getröstet werden möchte. Klamotten, die ich in größer kaufen muss als mir lieb ist. Ein Moment zum Durchatmen, ohne Pflicht oder Aufgabe. Und ein Stückchen Schokolade. Die Socke, die ich zum Trocknen aufhänge. Ein Kilo Karotten, zu schälen, zu schneiden, zu kochen und zu pürieren, für Noemis Brei. Dieser Anruf von einer Person, mit der ich gerade eigentlich nicht reden möchte. Warten. Meine eigenen Grenzen, an denen ich mich reibe, die meinem Leben einen gewissen Rahmen geben. Und die Grenzen meiner Mitmenschen. Dieses Gesicht, dieser Körper. Lachen, urplötzlich und unkontrollierbar. Unerfüllbare Wünsche und solche, die ich mir selbst erfüllen sollte. Termine, zu denen ich ein bisschen zu spät bin. So viele Wege. Regentropfen und Sonnenstrahlen. Technik, die nicht funktioniert. Ein Haushalt, der alles andere als perfekt ist.  

Habt ihr was gemerkt? Kein Konjunktiv. (Aber irgendwie gehört der ja auch dazu, ein kleines bisschen…)
Wenn ich mir etwas vornehme für dieses neue Jahr, oder auch nur für die nächste Woche, dann das: Vermeide den Konjunktiv. Das, was geschehen ist, kannst du nicht mehr ändern. Es kann aber vergeben werden und dann ist aber auch mal gut. Und wenn du weißt, dass du jetzt, in diesem Moment, etwas tun oder lassen solltest: Tu es! Lass es! Nimm dein Leben an, so wie es jetzt ist, warte nicht auf eine spätere Gelegenheit, die ohnehin niemals kommen wird, und lebe. Jetzt. 

Und natürlich hat C.S. Lewis auch Recht: Die Sehnsucht in mir, nach einem anderen, besseren Leben, die durch nichts und niemanden auf dieser Welt gestillt werden kann, weist einfach hin zu dem, der nicht von dieser Welt ist. Auch wenn ich mehr und mehr lerne, mein Leben im Hier und Jetzt anzunehmen und zu genießen, so wird doch mein unruhiges Herz erst dann zur Ruhe kommen, wenn es sich mit seiner Sehnsucht, seinen Erwartungen und Enttäuschungen an den Herrn des Universums wendet. Gott nahe zu sein ist mein Glück. Im Hier und Jetzt, und auch später, in der neuen Welt.

Kommentare:

  1. Es geht also um die Bemühung. Manchmal hilft es, sich auf seinen Körper zu konzentrieren - das Atmen, das Fühlen. Der Körper ist immer im Hier und Jetzt. Vielleicht hilft dies manchmal, die abschweifenden Gedanken wieder einzufangen.

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  2. Sich bemühen, ja. Das tue ich ja auch, doch meistens schaffe ich das, was ich mir vornehme, dann doch nicht. Irgendwie wünsche ich mir mehr Leichtigkeit - ich wünsche mir, beSCHENKT zu werden, von Gott, der ja alles schon für mich getan hat. Viel zu oft unterliege ich dem Trugschluss, alles selbst schaffen zu müssen...

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