Montag, 20. Oktober 2014

Mein Sorgen-Zoo



Du bist der Armen Gut und Teil,
verlässt sie ewig nicht;
du bist die Wahrheit und das Heil,
wie es dein Wort verspricht.
Wir leben, weil du uns beschenkst,
versorgst und herzlich liebst
und unser Leben freundlich lenkst,
indem du reichlich gibst.

Charles Wesley/ Hartmut Handt


Es ist ein trügerischer Gedanke: „Wenn sich erst dies oder das geklärt hat, wird es mir wieder gut gehen und ich kann zufrieden sein.“ Immer wieder falle ich darauf rein, obwohl mir inzwischen klar sein müsste, dass es so nicht funktioniert. Nein, so einfach stellen sich Sorglosigkeit und Glück nicht ein.
Im Klartext: Falko hat einen Job, am 1. November geht’s los! Letzte Woche kam bereits die Zusage der Firma, heute hat er sich endgültig entschieden und wird den Vertrag unterschreiben. Gott sei Dank! Wir dürfen, wieder einmal, in wahres Versorgungswunder erleben – nur ein Monat Arbeitslosigkeit, keine Notwendigkeit für Hartz-VI, die Ungewissheit hat so schnell ein Ende, und Falko wird (trotz Probezeit) zur Geburt unseres Winzlings Urlaub nehmen können. Gott ist so gut!
Und ich bin so kleingläubig.
Hatte ich doch gemeint, „alle meine Sorgen“ auf einen Schlag los zu sein, sobald Falko einen Arbeitsvertrag unterschrieben hat und das erste Gehalt auf dem Konto erscheint. Bitte, Vater, schenk Falko eine neue Stelle, damit wir die Unsicherheit los sind, damit ich mich nicht mehr sorge. Der Anti-Sorge-Effekt der guten Nachricht wirkte etwa einen Tag, wenn überhaupt. Wir waren glücklich, ausgelassen, gönnten uns Eis und Sachertorte in der Konditorei Reichert und umarmten uns ständig. Was für ein wunderbarer Tag!
Die Ernüchterung setzte – jedenfalls bei mir, für Falko kann ich nicht sprechen – jedoch ziemlich schnell ein. Neue Fragen bevölkerten plötzlich meinen Kopf und machten sich in mir breit: Wie wird unser Familienleben sich verändern, wenn Falko von nun an jeden Tag sehr früh raus muss und erst am späten Nachmittag nach Hause kommt? Wie werde ich den Alltag mit Kleinkind und Babybauch managen, wenn er mich deutlich weniger unterstützen kann? Werden wir eine bezahlbare und gut gelegene neue Wohnung finden – und wann? Wie sollen wir das mit der Wohnungssuche und dem Umzug schaffen, mit (dann) zwei kleinen Kindern? Wird das Gehalt auch reichen für all die Anschaffungen, die dann nötig sind?

Nein, die Sorge verschwindet nicht so einfach, lässt sich nicht so leicht vertreiben. Jedenfalls nicht durch eine Veränderung der Umstände. Sie scheint sich eher wie ein Chamäleon zu verhalten, das sich dem jeweiligen Lebenshintergrund blitzschnell anpassen kann. Das einen mit seiner schnellen, klebrigen Zunge einfängt, während man sich gerade noch so sicher gefühlt hat. Oder vielleicht ist sie wie ein Kugelfisch. Beim kleinsten Anlass kann sie sich aufblähen wie sonst was. Und wird riesengroß binnen weniger Augenblicke. Das meiste ist dabei nur heiße Luft… Dann entspannt sich die Lage und die Kugelsorge schrumpft auf ihre ursprüngliche Größe – natürlich nur bis zur nächsten Veränderung der Situation. Und dann könnte man Sorgen auch noch mit Geiern vergleichen, die ungeduldig in der Luft kreisen, bis sie endlich auf ihr Opfer in seiner Schwachheit herniederstoßen und dieses zerfetzen…

Mit diesem Sorgen-Zoo muss ich wohl auf andere Art und Weise umgehen lernen. Auf dieser Erde, in diesem Leben wird es immer Dinge geben, die unklar sind, ungünstig oder schlicht und einfach schwer. Ich brauche mir nicht länger etwas vorzumachen mit der Vorstellung, dass erst Noemis Eintritt in den Kindergarten, mein Wiedereinstieg in den Beruf, eine neue Wohnung, ein Auto oder endlich wieder regelmäßige Paar-Zeiten mein Leben „perfekt“ machen würden. Jede Veränderung der Situation bringt bei allen Vorteilen auch Schwierigkeiten und neue Fragen mit sich. Punkt.
In der Bibel werden wir ständig dazu aufgefordert, uns nicht zu sorgen. Wir sollen – und dürfen – unserem himmlischen Vater vertrauen, der sogar ein Auge auf die Spatzen hat und diese mit ihren täglichen Körnchen versorgt. So weit, dass ich mich überhaupt nicht sorgen würde, bin ich allerdings noch lange nicht. Mich spricht daher die Aufforderung sehr an, meine Sorgen auf Jesus „zu werfen“. Das bedeutet nämlich nicht, dass ich keine Sorgen hätte oder haben dürfte – vielmehr zeigt mir dieses Wort einen Weg aus der Sorgenspirale. Ich muss mich nicht mit meinen Sorgen abquälen. Ich darf sie bei Jesus abladen, immer und immer und immer wieder. So wie ich es bei Falkos Jobsuche schon geübt habe. Jetzt kann ich bei den Themen Wohnung, Alltagsbewältigung mit zwei Kindern und eigene Zukunftsperspektiven einfach weitermachen. Werfen war zwar im Sportunterricht nie meine beste Disziplin (von wegen „typisch Mädchen“…), aber Übung macht den Meister und außerdem geht es beim Sorgenloswerden ja nicht um eine zu bewältigende Distanz. Hauptsache ich werfe in Richtung Jesus. Ich bin sicher, er kann ziemlich gut fangen (und kommt mir notfalls auch ein paar Schritte entgegen).

Seit Erntedank übe ich mich auch mehr im Danken. „Danken schützt vor Wanken“ sagt man ja auch. Und um beim Bild des Zoos zu bleiben: Alle Dinge, für die ich von Herzen dankbar bin, sind stolze Adler, die die nervigen Sorgengeier, die um meinen Kopf schwirren und sich anschicken dort ihre Nester zu bauen, vertreiben. Ich möchte lernen, mich mehr über all das zu freuen, was Gott mir schenkt. Und meinen Blick immer häufiger auf diesen reichen Gabentisch zu lenken – da liegen so tolle Geschenke drauf: ein Mann, der mich liebt, eine fröhliche, gesunde, hübsche Tochter, zwei Studienabschlüsse, Freunde, eine gemütliche Wohnung, eine glückliche Kindheit und vieles mehr.
Da kann sich dann der Sorgenkugelfisch aufpusten wie er will, das seh‘ ich dann nämlich gar nicht…



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