Dienstag, 10. Februar 2015

Anspruchslos



Es geschah während der „Minute der Stille“ im Gottesdienst. Unser Pastor las einen Bibelvers vor (ich erinnere mich nicht mehr, welchen) und dann durften wir ruhig werden, die Augen schließen, beten. Für einen kurzen Augenblick. Ich saß da auf meinem Stuhl, unendlich müde nach viel zu vielen Nächten mit viel zu wenig Schlaf, die Ohren noch gellend vom Geschrei meiner Kinder, erschöpft, ausgelaugt, genervt. Ich saß da und wollte gerade beginnen, Gott mein Leid zu klagen. Doch da erinnerte ich mich daran, dass ich ja Gott vielmehr danken sollte. Danken für meine gesunden Kinder, für die ein, zwei Stunden Schlaf, die ich trotz allem…
An dieser Stelle wurde ich von Gott unterbrochen. „Lass mal stecken“, sagte Gott. „Lass doch mal gut sein mit all diesen frommen Ansprüchen. Du musst mir jetzt gerade nicht danken. Du musst dich nicht verstellen, musst es mir nicht recht machen. Jetzt, in diesem Moment, musst du dich nicht anstrengen, nicht bemühen. Ich stelle keine Ansprüche an dich. Und du brauchst auch keine an dich selbst zu stellen. Ich will nichts von dir. Jetzt, in diesem Augenblick, darfst du einfach nur sein, in meiner Gegenwart.“
Meine Schultern entspannten sich, eine Last fiel von mir ab. In dieser (viel zu kurzen) Minute der Stille erlebte ich das ganz seltene Glück, wirklich frei von allen Anforderungen und Ansprüchen zu sein. Denn unser Gott ist so viel größer! Unendlich viel größer als alle noch so frommen Ansprüche, von denen wir oft glauben, sie kämen von ihm.

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