Montag, 23. Februar 2015

Mutterliebe



Heute war wieder einer dieser Montage, wie man sie echt nicht braucht. Mit heulenden Kindern und Nerven kurz vorm Zerreißen. Heute war wieder einer der Tage, an denen eine Stimme in meinem Kopf mir diesen einen Satz in Dauerschleife vorspielt: „Du bist eine schlechte Mutter. Du bist eine schlechte Mutter. Du bist eine…“ Du hast zu wenig Geduld. Du hast gerade dein Kind schon wieder angeschrien. Du schaffst es nicht, dich zu organisieren. Der arme Kleine muss schon wieder brüllen, weil du falsche Prioritäten gesetzt hast. Du bist egoistisch. Du liebst deine Kinder nicht genug. Und warum kannst du eigentlich das Synchron-Geschrei nicht mit stoischer Ruhe ertragen, so wie es eine gute Mutter könnte?  Ja, eigentlich alles, was ich tue, wird von dieser inneren Stimme kommentiert und bewertet:
Du hast für deine Tochter ein gesundes Frühstück zubereitet – gute Mutter!
Während du mit ihr frühstücktest, musste der arme Kleine warten und schrie – schlechte Mutter!
Du hast in der Nacht stundenlang dein hellwaches Kind durchs Wohnzimmer getragen – gute Mutter!
Währenddessen grummeltest du vor dich hin und tatst dir nur selber leid – schlechte Mutter!
Das Mittagessen stand pünktlich auf dem Tisch – gute Mutter!
Um das zu schaffen, hast du Noemi angemeckert und Samuel ignoriert – schlechte Mutter!

Eigentlich mache ich es nie gut genug. Es reicht nie. Am Ende des Tages habe ich doch wieder viel zu häufig versagt, steht doch wieder ein negatives Vorzeichen vor meinen Fähigkeiten als Mutter.
In meiner Vorstellung verfügt eine wirklich „gute Mutter“ über grenzenlose Liebe und Geduld. Sie lässt sich durch nichts aus der Ruhe bringen, würde ihre Kinder niemals anschreien, kommt problemlos ohne Schlaf aus und opfert ihre Freizeit gern für den Nachwuchs. Sie würde sich niemals darüber beklagen, dass ihr Kind zu viel schreit oder sie zu wenig schlafen lässt. Vielmehr hat sie unendliches Mitleid mit dem armen bauchwehgeplagten Kind, sodass sie gar nicht dazu kommt, über ihre eigenen Befindlichkeiten nachzudenken. Das ist, in meiner Wahrnehmung, wahre Mutterliebe. Sie ist mühelos. Sie leidet nicht.

Im Gespräch mit meiner Freundin Bettina heute Nachmittag wurde mir klar, dass diese Vorstellung so eigentlich nicht haltbar ist; dass das, was ich unter „Mutterliebe“ verstehe, so überhaupt nicht existiert.
Denn Liebe bedeutet ja gerade auch Leid, Anstrengung und Mühe. Wer wüsste das besser als Gott selbst? Nur weil es mir schwer fällt, nachts um 3 aufzustehen und Samuel durch die Wohnung zu tragen, heißt das nicht, dass ich ihn nicht liebe. Im Gegenteil: Obwohl es mir schwer fällt und ich viel lieber weiterschlafen würde, stehe ich auf und trage ihn herum, bis er eingeschlafen ist – gerade weil ich ihn liebe. Es ist normal, dass mir das Geschrei meiner Kinder zu schaffen macht – eben weil ich sie liebe und möchte, dass es ihnen gut geht. Eben weil mir meine Begrenztheit dadurch so deutlich vor Augen geführt wird, mir klar ist, dass ich nicht so für sie da sein kann, wie ich gern würde. Würde mir das Weinen meiner Kinder nichts ausmachen, wären sie mir eigentlich egal – und Gleichgültigkeit ist nun gerade das Gegenteil von Liebe. Und wenn ich darauf achte, zu den Mahlzeiten selbst auch etwas zu mir zu nehmen, ist dies kein Zeichen von Egoismus, sondern nur vernünftig und letztlich ein Ausdruck von Liebe zu meinen Kindern, da ich weiß, dass ich hungrig nur noch viel schneller die Geduld verlieren würde.
Liebe kostet uns etwas. Liebe ist anstrengend. Liebe macht Mühe.
Und genau das macht sie ja so wertvoll.
Liebe ist viel mehr als „nur“ ein wohlig warmes Gefühl oder Sympathie.
Liebe ist eine Entscheidung: Die Entscheidung für einen Menschen, immer und immer wieder neu.
Sie verlangt Taten, sie äußert sich in konkreten Handlungen.
Eine Liebe, die sich nur in Worte kleidet, ist nichts wert.

Und die Liebe kommt Hand in Hand mit der Gnade daher.
Ich weiß, dass meine Mutterliebe nicht „perfekt“ ist – sie kommt schneller an ihre Grenzen als mir lieb ist. Aber Gott hat uns Menschen begrenzt geschaffen.
Unbegrenzt, unendlich – das ist Er allein. Und weil das so ist, reicht er uns ja auch die Hand und sagt: „Lass dir an meiner Gnade genügen.“ Er ist gnädig zu mir, und deshalb darf ich auch gnädig mit mir selber sein und mit meiner begrenzten Mutterliebe.

Diese Stimme in meinem Kopf hat keine Ahnung. Sie ist vielmehr eine Lügnerin. Und sie soll nicht länger Macht über mich haben. Deshalb setze ich ihr etwas entgegen. Nimm das, du Schlange!:

Wenn ich nachts mein Bett verlasse
Um mit Kind durch kalte Räume zu schleichen
Dann tue ich das aus Liebe.
Jede Stunde versäumten Schlafes
Zahle ich mit Liebe.

Wenn mir Tränen in die Augen schießen
Weil beide Kinder schreien
Und mir bewusst wird,
dass ich ihnen nicht gerecht werden kann,
keinem von ihnen,
dann tue ich das aus Liebe.
Jede Träne, die ich weine,
ist ein Tropfen kostbare Liebe.

Wenn ich morgens um 10
Noch im Schlafanzug bin
Mit ungeputzten Zähnen
Und zerzaustem Haar,
weil ich zuerst die Kinder versorgte,
dann ist dieses Chaos
Manifest meiner Mutterliebe.

Meine Erschöpfung
Meine Verzweiflung
Meine Wut
Meine Angst
Meine Kraftlosigkeit
Ich zahle sie
Mit Liebe.

1 Kommentar:

  1. Ach Mensch...danke! So hab ichs noch nie gesehen...😊Schlechtes Gewissen ist immer an der Tagesordnung...

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