Mittwoch, 1. April 2015

Die Gnade ist nicht von dieser Welt



Gnade, die:
  1. Gunst eines sozial, gesellschaftlich o.ä. Höherrangigen gegenüber einem sozial, gesellschaftlich o.ä. auf niedrigerem Rang Stehenden
  2. Milde, Nachsicht in Bezug auf eine verdiente Strafe, Strafnachlass
~o~
Allein deine Gnade genügt,
die in meiner Schwachheit Stärke mir gibt…



Bald ziehen wir um und ein Riesenberg an Aufgaben liegt vor uns. Meine Möglichkeiten sind durch die Kinder einigermaßen eingeschränkt und Falko ist zur Zeit nicht gerade fit. Somit stand für uns fest: Wir werden Hilfe brauchen.
Diese Hilfe wurde uns auch von allen Seiten angeboten, als wir die frohe Kunde von unserer neuen Wohnung verbreiteten. Um unsere willigen Unterstützer zu informieren, was wann zu tun ist, schrieb ich eine Rundmail. Vielleicht war das keine gute Idee. Vielleicht war ich hier übergriffig, verlangte zu viel, machte Leuten ein schlechtes Gewissen. Ich bin mir nicht sicher, aber wenn dies der Fall sein sollte, entschuldige ich mich hiermit dafür.
Wir bekamen positives und hilfreiches Feedback auf diese Mail, und ich bin mir sicher, dass wir den Umzug mit all den tollen Unterstützern super meistern werden, aber es erreichte mich auch eine kritische Nachricht: Dass es ja in Ordnung sei, um Hilfe beim Kisten- und Möbelschleppen zu erbitten, alles andere ginge aber zu weit – das bisschen Streichen und Putzen und Kinderhüten müssten wir allein stemmen. Falko und ich müssten lernen, mit unseren beiden Kindern allein zurecht zu kommen, ohne andere, arbeitende Leute zu belasten. Ich würde es mir zu leicht machen.

Da musste ich schlucken. Mache ich es mir zu leicht? Bin ich für die Menschen in meiner Umgebung eine Belastung? Fordere ich zu viel?
Das sind Fragen, die ich mir manchmal schon selbst gestellt habe. Fragen, die sich nicht gut anfühlen, die am Ego kratzen. Und die ihren Ursprung unter anderem in dem Gefühl haben, in meinen Beziehungen gerade sehr stark die Nehmende, Bittende, Bedürftige zu sein. Ich bin für Noemi und Samuel da, ja, rund um die Uhr – aber für meinen Mann, meine Freunde, Nachbarn, Bekannte, Geschwister reicht es gerade einfach nicht. Für mich ist es momentan fast unmöglich, jemandem ein Mittagessen vorbeizubringen, beim Umzug zu helfen oder in irgendeiner anderen Art und Weise hilfreich zu sein. Meinen Alltag meistere ich, und die Versorgung der beiden Kinder. Für alles, was darüber hinausgeht, benötige ich Unterstützung. Auch jetzt bei all den Dingen, die im Rahmen des Umzugs zu erledigen sind. Und ich brauche auch Menschen, bei denen ich mich mal ausweinen kann.

Eigentlich fällt es mir nicht schwer, um Hilfe zu bitten. Ich schreibe hier in diesem Blog über meine schwachen Momente, über meine negativen Eigenschaften, über Schwierigkeiten und bin darin ganz offen. Meine Eltern haben mir beigebracht, mich zu entschuldigen, und dafür bin ich ihnen dankbar.
Es ist meine Überzeugung, dass wir Menschen schwach und fehlbar sind und dass das eben zum Menschsein dazu gehört.
Und trotzdem hat mich diese kritische E-Mail sehr aufgewühlt. Weil mir darin ein Spiegel vorgehalten wurde, und was ich sah, gefiel mir nicht: Eine Frau, die offensichtlich nicht fähig ist, ihr Leben mit allem, was dazu gehört, allein zu meistern. Die wohl auch von anderen zu viel fordert, die sich egoistisch um sich selber dreht. Ich sehe Schwäche, Versagen, Scham. Und da möchte ich mein Gesicht abwenden. Ich möchte mich selbst nicht so sehen. Ich bin versucht, mich zu verteidigen und aufzuzählen, wie toll ich ja doch alles schaffe und was ich nicht alles leiste und wie stark ich in Wirklichkeit bin und wie überaus hilfreich. Ich möchte es allen beweisen, dass ich ihre Unterstützung nicht nötig habe, dass ich sie alle überhaupt nicht brauche.

In dem Moment wurde mir klar: Die Gnade ist nicht von dieser Welt.
Wir feiern bald Ostern und den gekreuzigten und auferstandenen Jesus Christus. Er hätte all das nicht erleiden müssen, wenn wir Menschen ach, so toll wären. Wenn wir in der Lage wären, uns am eigenen Schopf aus dem Moor zu ziehen. Wenn wir durch und durch stark und fehlerlos wären. Dann hätte Jesus nicht auf diese Erde kommen, sich foltern und verspotten und kreuzigen und töten lassen müssen. Dann gäbe es für uns keine Gnade, und die hätten wir ja auch nicht nötig.
Als ich gezwungen war, in den Spiegel meiner Schwäche zu schauen, da berührte mich die Gnade und sprach zu mir. Sie sagte mir nicht, dass ich ja eigentlich doch ganz ok sei und alles ganz super hinkriegen würde. Nein, das sagte sie nicht (auch wenn ich das ja am allerliebsten höre…). Sie sagte: „Du musst nicht genügen, und kannst es auch nicht. Du musst nicht reichen. Gott reicht. Seine Gnade reicht. Soweit der Himmel ist. Das ist genug. Deshalb feiern wir Ostern.“  

Mir wurde bewusst, dass meine Freundin, die mir diese E-Mail geschickt hat, davon nichts weiß. Dass in ihrem Leben keine Gnade ist, die ihr sagt: Du darfst schwach sein. Es ist okay. Du musst nicht genügen. Weil Gottes Gnade reicht. In ihrer Weltanschauung geht es um Leistung, darum, alles im Griff zu haben.  Sie muss alles allein schaffen, darf sich keine Schwäche erlauben. Weil sie sonst an Wert verliert, weil sich sonst viele von ihr abwenden. Denn in dieser Welt gibt gab es keine Gnade für die Schwachen, für die mit einer Behinderung, für diejenigen, die nicht genug leisten, die nicht „funktionieren“.
Gott sei Dank, es gibt sie, die Gnade, für jede und jeden von uns! Dank sei Jesus Christus!
Sie geht uns oft gegen den Strich; etwas in unserer Natur wehrt sich vehement dagegen, abhängig und bedürftig und unfähig zu sein. Und doch brauchen wir sie so sehr. Weil sie uns frei macht vom Erwartungsdruck und von der Gefallsucht und vom Schein. Weil wir, wenn wir sie annehmen und daraus leben, wieder ein bisschen wie Kinder sein dürfen. Unbeschwert und voll der Gewissheit: Wir sind geliebt. Egal was.

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