Montag, 23. November 2015

Mut am Montag




Am Samstagabend waren wir das erste Mal seit Samuels Geburt aus, Falko und ich. Anstatt wie sonst ins Restaurant oder Kino (und das obwohl wir den neuen Bond noch nicht gesehen haben!) gingen wir diesmal zu einem Lese- und Musik-Abend von 2Flügel. Christina Brudereck und ihre Texte finde ich ja sowieso toll, aber ich wusste noch gar nicht, wie virtuos ihr Mann und zweiter Flügel, Ben Seipel, auf dem Klavier spielt! So verbrachten wir einen wunderschönen, berauschenden Abend zusammen, von dem wir jede Minute genossen – die langen Busfahrten übrigens eingeschlossen. Denn wissen die ganzen missmutig vor sich hinstarrenden Leute gar nicht, wie gut sie es haben, dass sie ohne sperrigen Kinderwagen (samt plärrendem Inhalt) durch die Stadt fahren können? Ich fand es so unendlich entspannend, einfach nur dazusitzen, Falkos Hand zu halten und nichts weiter tun zu müssen… herrlich!

Und die „Lieblingsmusik und Geschichten“ waren grandios. Wir haben gelacht und geweint, den Kopf geschüttelt und genickt, mitgesungen und mit Riesenohren gelauscht; wir hoben vom Boden ab und reisten in die fernsten Winkel der Erde, während unsere Zehen sich in den weichen Heimatboden gruben wie Wurzeln… Ich habe noch nie zuvor erlebt, dass Klaviermusik so lustig sein kann! An einer Stelle mischte der Pianist verschiedene Stücke zu einem einzigen Klangfeuerwerk: Pippi Langstrumpf mit James Bond und Kirchenmusik – das war so rasant, mitreißend und verrückt, dass das Lachen aus unseren Herzen überquoll.

Und Christinas Texte (ich darf sie duzen, wir sind uns im letzten Jahr einmal begegnet) sind so gut! Nachdenklich, witzig, klug und herausfordernd, mit einem ganz eigenen Klang, wie Musik eigentlich, was natürlich besonders herauskommt, wenn sie die Texte selbst vorträgt: mit ganz viel Rhythmus, variierend im Tempo, in der Lautstärke und in der Tonart – großartig.
Als wir zurück nach Hause fuhren, fühlten wir uns nicht wie sonst nach dem Kinobesuch (voll, müde, geflasht und mit drückender Blase), sondern so lebendig, voller Energie und Erwartung. Der Abend hatte uns nicht ausgesaugt und unserer Kräfte beraubt; vielmehr verließen wir den Saal als Beschenkte, als Beglückte.

Eine der Geschichten berührte mich ganz besonders, die nehme ich mit in die neue Woche und möchte sie mit euch teilen (und hier kommen wir, nun endlich, zu Mut am Montag):
In Birma soll eine riesige, tönerne Buddha-Figur einer neugeplanten Schnellstraße weichen. Die Regierung hat dem Kloster ein neues Gelände zur Verfügung gestellt, und die Mönche sind mit dem Umzug einverstanden. Taue werden um den Buddha gelegt, ein Kran hebt die Statue vorsichtig an – diese jedoch stellt sich als schwerer heraus als gedacht, und kann nur kurz angehoben werden, ehe sie unsanft zurück auf dem Boden landet. Die Mönche entdecken einen langen Riss im Ton und sind entsetzt, einige beginnen sogar zu weinen. War es ein Fehler gewesen, der Regierung nachzugeben? Zweifel und Unmut keimen auf, doch der Abt betrachtet den Riss genauer und bittet schließlich um Hammer und Meißel. Er beginnt, den Ton am Riss entlang abzutragen – und legt Stück für Stück eine Figur aus purem Gold frei.
Einst hatten Mönche desselben Klosters ihren wertvollen Schatz mit Ton bedeckt, um ihn zu schützen, und dieses Geheimnis mit ins Grab genommen.
Die Geschichte endete am Samstagabend so: Mögen wir so sein wie die Mönche, die alles dafür taten, um das, was wertvoll ist, zu schützen. Und mögen wir so handeln wie die Mönche, die das Kostbare wieder sichtbar machten und freilegten.

Mich faszinierte an dieser Geschichte besonders, dass der Moment, als manche schon alles verloren glaubten, als ein großer Riss sich auftat, der Wendepunkt ist – der Augenblick, in dem endlich das unter dem Ton verborgene Gold hervorschimmert.
Und ich denke daran, was Paulus in seinem zweiten Brief an die Korinther schreibt: 

„Denn Gott, der sprach: Licht soll aus der Finsternis hervorleuchten, 
der hat einen hellen Schein in unsere Herzen gegeben, dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes in dem Angesicht Jesu Christi.
Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen, damit die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns.“
(2. Korinther 4,6+7)


Ich weiß, dass meine Kraft klein ist, dass sie oft einfach nicht reicht. Und immer wieder zerspringt etwas in meinem Leben. Es tun sich Risse auf, große und kleine, die Farbe blättert ab und ich habe Mühe, mich selbst zusammenzuhalten. Dann tröstet mich das Wissen, dass ich zwar nur ein tönernes, zerbrechliches Gefäß bin, mein Gott aber mich in seinen Händen hält. Ich bin sein Gefäß, und mehr muss ich auch nicht sein. Ich kann (und muss) zuerst einmal nichts anderes tun, als das aufzufangen, was er in mich hineinschüttet, all den Segen, all das Licht. Wenn wieder mal ein Riss aufklafft, wenn die Fassade bröckelt, dann wird mehr von dem sichtbar, was wirklichen Wert hat.

St. Martin ist zwar schon wieder vorüber, aber in unserem Haus tönen die Laternenlieder aus dem Mund unserer Tochter weiter. „Ich geh mit meiner Laterne und meine Laterne mit mir“, singt sie, und immer wieder diese eine Zeile: „Brenne auffällig, brenne auffällig, brenne auffällig!“ (ursprünglich lautend: Brenne auf mein Licht…) Für mich ist das wie eine Erinnerung daran, mein Licht leuchten zu lassen, wie Jesus uns auffordert; es auf einen Kerzenständer zu stellen, damit es allen im Haus scheint. Und das Licht bin ja nicht ich selbst. Ich bin das irdene Gefäß, zerbrechlich und nicht mehr ganz original, aber das Gefäß meines unfassbar großen und liebenden Gottes! Das ist so unbeschreiblich schön und viel zu groß, als dass ich es fassen könnte - dass Gott tatsächlich uns schwache und fehlbare Menschen dazu gebrauchen kann, "dass durch uns entstünde die Erleuchtung zur Erkenntnis der Herrlichkeit Gottes"!

Für heute nehme ich mir also vor, meine Hände, mein Herz und meinen Mund ganz weit aufzusperren, wie ein Vogelkind im Nest, und mich von Gott füllen zu lassen. Dann kann ich von dieser Fülle reich austeilen, an meine Kinder, meinen Mann, an alle Menschen, die mir begegnen mögen.
Für heute nehme ich mir vor, meine Risse und Wunden nicht (wie so oft) notdürftig zu überpinseln oder zu flicken, sondern das Licht der Gnade durch sie scheinen zu lassen.
Für heute möchte ich daran denken:

„Wir sind von allen Seiten bedrängt,
aber wir ängstigen uns nicht.
Uns ist bange,
aber wir verzagen nicht.
Wir leiden Verfolgung,
 aber wir werden nicht verlassen.
Wir werden unterdrückt,
aber wir kommen nicht um.
Wir tragen allezeit das Sterben Jesu an unserem Leibe,
damit auch das Leben Jesu an unserem Leibe offenbar werde.
Darum werden wir nicht müde;
sondern wenn auch unser äußerer Mensch zerfällt,
so wird doch der innere von Tag zu Tag erneuert.“
(2. Korinther 4, 8-10+16)


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