Mittwoch, 4. Mai 2016

Das Ende meines wilden Rittes auf dem Gedankenkarussell





Die letzten Tage mit meiner Tochter waren nicht einfach. Irgendwie hatten wir ständig Konflikte, meckerten uns gegenseitig an und ich wusste mir keinen Rat mehr, so als wären wir in einem Teufelskreis gefangen. Immer wieder versuchte ich es im Guten, bemühte mich um eine Annäherung, und reagierte dann nur umso heftiger, wenn sie nicht gleich darauf ansprang. Ich fühlte mich meinem Kind seltsam fremd.
Heute Abend dann, als ich in der Küche stand und Gemüse für den Salat kleinschnitt, gesellte sie sich zu mir und forderte ein Stück Gurke von mir. Ihr Tonfall war nicht gerade freundlich, und sie streute auch kein „Bitte“ ein – meine normale Reaktion (zumindest in den letzten Tagen) wäre gewesen, sie zurechtzuweisen und mich zumindest innerlich über ihre Respektlosigkeit aufzuregen. Stattdessen blitzte ein Gedanke in mir auf, und ich bin mir inzwischen sicher, dass dies ein göttlicher Funke war, der auf mich übersprang: „Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder…“  Ich fragte mich, wann ich eigentlich zum letzten Mal meinen Papa im Himmel so kackdreist um etwas gebeten hatte, mit der felsenfesten Erwartung, das Gewünschte (bzw. Geforderte) auch zu erhalten. Und so ließ ich die Belehrungen bleiben, reichte Noemi das größte Stück Gurke auf dem Schneidebrettchen, und dann auch noch ein Stück Paprika dazu.

Natürlich, Kinder müssen Umfangsformen lernen, „bitte“ und „danke“ sagen und so weiter – aber in diesem Küchenmoment gelang es mir, endlich aus meinem Karussell der negativen Gedanken auszusteigen, mit dem ich mich schon viel zu lange im Kreis gedreht hatte. Plötzlich erkannte ich, dass ich von meiner Tochter – so nervig und respektlos und bockig ich sie gerade noch wahrgenommen hatte – auch einiges lernen kann. Wenn ich es denn schaffe, eine neue Perspektive einzunehmen.

Oft tendiere ich dazu, das Verhalten meiner Kinder als gezielt gegen mich gerichtet auszulegen. Dem ist aber wohl in den allermeisten Fällen nicht so. Vielmehr bin ich für Noemi (und auch für Samuel) die wichtigste Bezugsperson in ihrem Leben – der Mensch, von dem sie alles erwartet, dem sie am meisten vertraut, den sie am meisten braucht (das sagt sie manchmal sogar genau so: „Mama, ich BRAUCHE dich!“). Ich bin diejenige, vor der sie sich nicht verstellen muss, bei der sie einfach sie selbst sein und alle ihre Gefühle, schöne wie schwierige, rauslassen kann. Das, was ich vorschnell als Respektlosigkeit oder Ignoranz interpretiere, ist in Wirklichkeit ein Ausdruck ihres grenzenlosen Vertrauens in mich als ihre Mama.
Meine Aufgabe ist es zu allererst, diese Direktheit auszuhalten – mein Kind auszuhalten mit all ihren Gefühlen, Forderungen, Verwirrtheiten. Nur dann kann ich ihr auf gute Weise beibringen, was Höflichkeit und Respekt bedeuten und dass wir „bitte“ sagen, wenn wir etwas möchten. Und eigentlich ist es doch etwas total Schönes, der wichtigste Mensch für jemanden zu sein…

Wenn ich mir vorstelle, was das für meine Gottesbeziehung bedeuten würde – wenn ich zu ihm so wäre, wie meine Kinder sich mir gegenüber verhalten!

Wenn ich, so wie mein kleiner Sohn, immer wieder zwischendurch zu ihm laufen und mich an sein Herz kuscheln würde… kurz Papa tanken, und weiter geht’s!
Wenn ich seine ungeteilte Aufmerksamkeit einfordern würde – weil Er mir über alles geht, weil es mir am allerwichtigsten ist, von ihm gesehen zu werden…
Wenn ich ihm in den Ohren läge mit meinen Wünschen und Bedürfnissen und den Anliegen der ganzen Welt (und dabei auch manchmal das „bitte“ und „danke“ vergäße) und dann erlebe, wie er mich erhört und mit guten Gaben überhäuft…
Wenn ich für ihn mein Bestes geben würde – weil nur das zählt, was Er über mich denkt… und dann gäbe es himmlischen Applaus!
Wenn ich mich im absoluten Vertrauen zu ihm fallen lassen könnte – volles Risiko, weil ich weiß, dass er mich auffängt… und ich es sogar genießen würde, wenn er mich fliegen lässt…


Wir hatten einen wunderschönen Abend zusammen, meine Tochter und ich, den besten seit langem.
Sie sagte mir sogar, dass sie mich lieb hat (und widersprach  mir nicht, als ich ihr dasselbe sagte), wir tanzten wild durchs Kinderzimmer und freuten uns wie verrückt über ihren Töpfchen-Erfolg.
Gott sei Dank.









1 Kommentar:

  1. Liebe Rebekka,
    daaaaaanke für diesen deinen Blogeintrag! Als ich das las, schossen mir die Tränen in die Augen. Mir geht's ganz genauso wie dir - gerade die letzten Wochen war ich jeden Abend echt total gefrustet über den Ungehorsam und die Respektlosigkeit, die mein fast vierjähriger Sohn an den Tag gelegt hatte. Ich bin fast geplatzt und habe mich nicht gerade einfühlsam und liebevoll verhalten. Der Umgang mit den Kindern lehrt mich so Vieles. Da kommt so Manches hoch, was mich echt erschreckt. Gut, dass unser himmlischer Vater so gnädig, barmherzig, liebevoll, vergebend und freundlich mit uns ist! Und wir lernen das auch immer besser, stimmt's? =) Seit dieser Woche ist mein Kleiner wieder (fast immer) das liebste Kind der Welt - ich habe mehr Verständnis für ihn und versuche, seinen Frust, sein Geheule und seine Bockigkeit zu verstehen und auf ihn einzugehen. Vielleicht ist so manches mich-auf-die-Palme-bringendes-Verhalten seinerseits einfach ein Schrei nach Liebe ... Ich will besser darauf achten, dass sein Liebestank voll ist und dass ich ihn wie einen fast Vierjährigen behandel und nicht zu viel erwarte und nicht selbst so schnell sauer und ungerecht reagiere.
    Puh - Kinder sind echt ne herausfordernde Aufgabe, stimmt's?! =)
    Liebe Grüße, Kiki

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