Dienstag, 20. September 2016

Von der Unfähigkeit, glücklich zu sein...




Die Kita-Eingewöhnung meines Sohnes ist nach zwei Wochen erfolgreich abgeschlossen. Alles ging tränenlos vonstatten – jedenfalls bei ihm (ich habe doch die eine oder andere Träne auf dem Heimweg verdrückt…). Klar, er kennt das alles schon durch seine große Schwester, und er ist sowieso ein unkomplizierter, fröhlicher Zeitgenosse, der das Leben so nimmt, wie es gerade kommt. Wenn wir uns verabschieden, winkt er mir noch kurz über die Schulter zu und widmet sich seinen Autos. Der Traum einer jeden Mutter – oder? Natürlich freue ich mich, dass mein Sohn glücklich ist und die Eingewöhnung so reibungslos geklappt hat. Aber. Ein bisschen weinen hätte er schon mal dürfen. Und mich ein bisschen vermissen. Ich fange an, mir Sorgen um die Stärke unserer Mutter-Kind-Bindung zu machen. Es heißt doch, dass ein beim Abschied weinendes (und beim Wiedersehen lachendes) Kind sicher gebunden ist, dass eine länger währende Eingewöhnung sozusagen ein gutes Zeichen ist. Bedeutet das nun nicht im Umkehrschluss, dass… seufz…

Kommentar meines Mannes dazu: Dir kann man es auch nicht recht machen.
Stimmt wohl. Ich habe noch ein Beispiel dazu auf Lager:

Meine beiden Kinder gehen nun in den Kindergarten und ich habe jeden Tag fünf Stunden freie Zeit zu meiner Verfügung. Klingt herrlich, oder? Ist es auch, jedenfalls fand ich das an den ersten beiden Tagen. Ich setzte mich einfach auf die Couch und las. Ich schrieb in mein Tagebuch, aß nur ein Croissant mit Erdbeermarmelade zu Mittag, surfte ein bisschen im Internet, schob alibimäßig den Staubsauger durch die Wohnung. Es war einfach zu schön! Niemand schrie mich an oder unterbrach mich in meinen ach-so-wichtigen Tätigkeiten.
Und dann kam Tag drei. Das Buch hatte ich ausgelesen und mein schlechtes Gewissen regte sich: Du hockst hier faul rum und machst NICHTS! Alle anderen schuften, ackern und rackern den ganzen Tag und du machst dir einen faulen Lenz. Wenn du schon nicht arbeiten gehen willst (und das will ich gerade tatsächlich nicht unbedingt…), dann werde wenigstens deinen hausfraulichen Pflichten gerecht! Aber fünf Stunden putzen? Jeden Tag? Och nö…
Ich hatte mich so sehr nach dieser Zeit gesehnt –nach ein bisschen Ruhe in der Wohnung, nach Zeit für mich und meine Projekte, nach der Möglichkeit, entspannt und ohne Druck zu schauen und auszuprobieren, was für mich passt. Ich wollte schreiben, zeichnen, malen, ganz viel quality time mit Gott genießen, lustige Aktionen mit den Kindern planen, Freundinnen besuchen, spazieren gehen, unser Zuhause pflegen… Einfach mal schauen, was kommt.

Und nun stelle ich fest, dass ich mit all der Freiheit nicht richtig klar komme. Ein Luxusproblem, ich weiß!!! Überall lese ich davon, dass wir unser Leben entschleunigen sollen, den Sabbat halten, auch mal Nein sagen, innehalten. Aber für mich gilt das, glaube ich, nicht. Ich bräuchte vielleicht eher einen Tritt in den Arsch. Oder?
Immerhin habe ich angefangen, unsere Küche auszumisten und gründlich zu reinigen, was auch wirklich nötig war. Ich werde mich so von Raum zu Raum arbeiten und unser Zuhause in einen Palast der Ordnung und Behaglichkeit verwandeln. Aber ich surfe immer noch zu viel im Internet rum. Ich schiebe Projekte vor mir her, weil ich Angst vorm Scheitern habe. Ich vermisse meine Kinder und zähle (ernsthaft!) die Stunden, wann ich sie von der Kita abholen kann. Zwischen Traum und Wirklichkeit klafft eine riesige Lücke. Ich sollte könnte doch so glücklich sein! Warum bin ich es schon wieder nicht, wenn doch alles so gekommen ist, wie ich es mir gewünscht habe?

Anscheinend bin ich unfähig, glücklich zu sein.
Es geht mir wohl ein bisschen zu gut gerade, sodass mein Gehirn schon wieder anfängt, sich Probleme auszudenken.
Denn es geht mir gut. Richtig gut!
Diesen Monat ist PMS ausgefallen, einfach so. Ein herrliches Gefühl!
Und meine Kinder sind so toll: Samuel hat gestern Purzelbäume für sich entdeckt und sich den halben Nachmittag durchs Wohnzimmer gepurzelt. Noemi malt gelbe Sonnen mit extra langen Strahlen und sagt mir jeden Tag, wie „gerne sie mich lieb hat“.
Mein Mann ist toll. Er ermöglicht mir und uns das alles hier. Dass ich noch ein bisschen zu Hause bleiben kann. Und am Mittwochabend gehen wir zu Salut Salon. (Das sind diese faszinierenden Ladies hier) Ick froi mir schon wie Bolle!
Meine Freundinnen sind sowieso die tollsten, wisst ihr ja schon.

Und es macht mir gerade so viel Spaß zu schreiben, zu malen, zu zeichnen, zu stempeln… ich gehe voll darin auf! Ich entdecke immer mehr von dem, was Gott in mich hineingelegt hat. Ja, ich kann da was, und das ist etwas Besonderes, und ich darf das rauslassen, soll es sogar! Das sind anvertraute Pfunde, mit denen ich wuchern darf.
Zweifel, Bequemlichkeit oder das, was andere vielleicht über mich denken könnten, sollen mich nicht daran hindern, meine Bestimmung zu entdecken und auszuleben. Gesellschaftliche Konventionen und Zwänge sollen nicht dazu führen, dass ich eine Entscheidung treffe, die nicht zu mir und uns als Familie passt. Ich kann es mir gerade einfach nicht vorstellen, wieder zu unterrichten und die Betreuungszeiten der Kinder deutlich zu verlängern.

Was ich in letzter Zeit verstanden habe, ist, dass ich nicht gut darin bin, zu genießen. Das Leben zu feiern, innezuhalten, achtsam durch den Tag zu gehen, voll im Hier und Jetzt zu sein – das widerspricht geradezu meiner Natur. Und ich glaube, darin liegt meine Unfähigkeit zum Glücklichsein begründet.
Das zu lernen, wird meine Aufgabe sein, wahrscheinlich für mein ganzes neues Lebensjahrzehnt: Genießen, Feiern, Achtsam sein, Hier sein. Danken.

Spannend!


(Noch zwei Stunden bis zum Kinder Abholen. Die krieg ich auch noch rum ;))






Kommentare:

  1. Liebe Reh, mir ging es ganz genau wie dir und ich denke es ist normal.Genieße es und Gott wird dir schon Ideen und Dinge ins Herz geben die für dich jetzt in der ruhigen Vormittagszeit dran sind. Irgendwann hat es sich eingespielt und du kanns genießen. Ich habe zum Beispiel Gittarrenunterricht genommen in dieser Zeit. Irgebdetwas was du schon immer tun wolltes. Es ist schön wenn man nach einem ruhigen Vormittag sich dann wieder auf die Kids freuen kann und Kraft für sie hat.
    Grüße Magda

    AntwortenLöschen
  2. Danke, dass du mal wieder so ehrlich bist. Ich bin mir auch noch sehr unsicher, wie es bei mir werden wird, wenn Kea bald in die Kita kommt. Ich glaub, mir wird es ähnlich gehen. Aber dann ist es ja gut zu wissen, dass ich damit nicht allein bin.
    Und ich bin mir ganz sicher: Wenn erst einmal Routine eingekehrt ist, möchtest du es gar nicht mehr anders haben. Dann werden Ideen und auch Kraft und Tatendrang dafür fließen. Setz dich einfach nicht unter Druck.
    Liebe Grüße,

    Elly

    AntwortenLöschen
  3. Ich kann das so gut verstehen! Mich überfordert die Freiheit alles zu tun auch. Toll, dass dir die kreativen Dinge gerade gut von der Hand gehen, dabei kannst du bestimmt Genuss lernen. :) Ich hab mir neulich eine Liste mit I-want-to-Dos gemacht, die schiebt sich vor mir her... aber sie ist zur Stelle, wenn ich doch mal was planen möchte. Du kannst dir ja einfach ein paar Projekte vorbereiten und alle Materialien/Ideen beisammen haben und wenn du merkst, heute ist ein guter Tag dafür, dann legst du einfach los.
    Hast du schon einen Plan, wie es beruflich bei dir weitergeht? Liebe Grüße, Anne

    AntwortenLöschen
  4. Danke euch, ihr Lieben! Die I-want-to-Dos-Liste klingt super, Anne!
    Ganz liebe Grüße vom Krankenlager :)

    AntwortenLöschen