Mittwoch, 12. Oktober 2016

Brief an ein (un)gewolltes Kind





Du kleine Kostbarkeit,

schon seit Tagen fällt der Regen unaufhaltsam auf die Stadt, und ich weiß: Der Himmel weint um dich.
Heute früh um acht wurdest du aus deiner Schutzhöhle gesaugt, dein leise pochendes Herz zum Schweigen gebracht, weil deine Mutter glaubte, es alleine nicht zu schaffen, weil die Stimmen um sie herum viel zu laut waren und meine zu leise…

Ich war die erste, die von dir wusste. Die erste, die deiner Mama zum positiven Test gratulierte, obwohl gerade weil ich wusste, dass ihr überhaupt nicht nach Jubel zumute war. Ich war diejenige, die sie ermutigte und darin bestätigte, dich zu bekommen – die einzige, die für dich sprach. Ich habe alles versucht. Wir haben so viel gebetet. Ich habe appelliert, gewarnt, das Mutterherz berührt, gekämpft für dich… und jetzt bist du nicht mehr.

Es tut mir so leid!

Manchmal bin ich unendlich wütend, vor allem auf deinen Erzeuger, der dich von Anfang an nicht wollte, aber auch auf deine Mama, die zu schwach war, für dich einzutreten. Manchmal möchte ich die beiden verurteilen und anbrüllen. Warum haben sie dir das angetan?
Aber ich habe oft genug mit deiner Mutter gesprochen, um zu wissen, dass sie in ihrer Verzweiflung und Angst keinen anderen Ausweg sah. Sie hat sich eingeredet, dir keine gute Mama sein, dir kein sicheres und schönes Zuhause bieten zu können. Sie hat sich einreden lassen, der Zeitpunkt sei nicht richtig für dich. Sie hat den Lügen geglaubt, es sei besser, dich aufzugeben und deinen Erzeuger zu behalten. Ich weiß, dass sie um dich trauert und dass sie dich vermisst. Dass sie sich wünschte, sie hätte ein anderes Leben – ein Leben mit dir.

Und so trauere ich mit ihr um dich, du kleines Menschlein.
Ich weine und klage und frage:
Warum darfst du nicht leben?

An dem einen Trost halte ich fest: Deine kostbare, unsterbliche Seele ist nun schon voraus zu Gott geflogen und hat sich in seine Vaterarme geworfen. Dort wirst du Trost und Heilung erfahren. Du bist in deinem himmlischen Zuhause willkommen, sicher und geliebt. Niemand kann dir nun mehr etwas anhaben.
Vorhin dachte ich voll Trauer: Du hast keinen Vater, keinen Namen, kein Grab.
Aber das stimmt so nicht.
Für den Vater im Himmel, der dich erdacht und gemacht hat, bist du unendlich wertvoll. Bei ihm darfst du für immer bleiben, weil er dich so sehr liebt.
Er wird dir einen Namen geben und dich bei diesem Namen rufen.
Das tröstet mich so sehr.

Wir haben kein Grab, an dem wir um dich trauern können. Aber ich weiß, dass du im Himmel auf uns wartest. Ich freue mich darauf, dich kennenzulernen! Und es ist mein Gebet, dass du und deine Mama an diesem Ort für immer miteinander leben werdet.

Deine Mama… ich versuche, mir vorzustellen, wie es ihr geht, wie sie sich jetzt fühlt, aber mein Innerstes weigert sich, den letzten Schritt mit ihr zu gehen. Sie ist ganz allein mit der Leere und mit der Schuld und dem Vermissen, das ist mir bewusst.
Also bete ich für sie, dass sie Vergebung findet und Frieden.
Irgendwann.
Im Namen Jesu, für den keine Schuld zu groß oder zu schwer ist.

Und ich schenke ihr ein kleines Büchlein, damit sie einen Ort hat, an dem sie um dich trauern und mit dir in Verbindung bleiben kann. Vielleicht klebt sie das Ultraschallbild ein, das sie von dir hat, oder ein Foto deiner älteren Schwester (ja, du hast eine ganz zuckersüße große Schwester! Ich habe euch beiden so sehr gewünscht, dass ihr euch kennenlernt…), und vielleicht schreibt deine Mama dir ein paar Worte. Sternenkind, so nennt sie dich…


Eines noch: Weil du von deinen Eltern unerwünscht warst, musstest du gehen, noch bevor du deinen ersten Atemzug nahmst.
Aber du bist nicht ungewollt.
Das entscheiden nicht wir Menschen, ob jemand gewollt ist oder nicht, ob ein Leben wertvoll ist oder nicht.
Du bist gewollt, weil du ein Gedanke Gottes bist.
Du bist wertvoll, weil Er dich liebt.

Aber ich bin mir sicher, das weißt du schon.
Er hat es dir ins Ohr geflüstert und raunt es dir wieder und wieder zu:
Du bist gewollt.
Du bist geliebt.
Du bist wertvoll.


Ich umarme dich mit meinem Herzen –
Wir sehen uns, irgendwann!

Deine Reh






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