Montag, 31. Oktober 2016

Und trotzdem war es schön!





In den letzten drei Blog-Posts konntet ihr unsere Budapest-Reise ziemlich gut mit verfolgen, und man könnte denken, damit wäre alles darüber gesagt (waren ja lang genug, die Posts…). Wenn ich mir die Fotos so anschaue und mir vergegenwärtige, was wir alles gesehen und erlebt haben, dann hatten wir wohl eine ziemlich gute Zeit. Die Rahmenbedingungen unseres Trips waren aber alles andere als optimal, sodass bei mir zunächst ein ungutes Gefühl zurückblieb.

Wir hatten das verlängerte Wochenende natürlich schon Monate im Voraus geplant, wobei uns aber auch klar war, dass in letzter Sekunde etwas passieren konnte, das unseren Abflug verhindern würde. So ist das eben, wenn man Kinder hat… Beinahe wäre es tatsächlich so gekommen, denn unser Sohnemann entwickelte am Freitagnachmittag aus heiterem Himmel hohes Fieber. Ich schob es auf die Eckzähne, auf die wir schon länger warten und die ihm gerade zu schaffen machten. Aber dafür war das Fieber vielleicht zu hoch? Meine Mama kam gegen Abend zu uns und wir entschieden, dem Kleinen vorm Schlafen ein Zäpfchen zu geben und einfach zu schauen, wie die Nacht werden würde.
Am Samstagmorgen mussten wir schon sehr früh los, und da die Nacht vollkommen ruhig verlaufen war und Samuel sich normal warm anfühlte, machten wir uns auf den Weg zum Flughafen. Meine Mutter meinte, das werde sich schon geben und wir sollten die Reise nicht absagen. Ich schob meine Rabenmutter-Gedanken zur Seite und freute mich auf meine Lieblingsstadt!

Tagsüber blieb ich mit meiner Mama in Kontakt und erfuhr, dass das Fieber im Lauf des Tages wieder deutlich anstieg. Unser Kind war total schlapp, wollte weder essen noch trinken und glühte vor sich hin. Als mein Mann und ich am Abend im Táskarádio Eszpresszó saßen (wo wir den Tag gemütlich hatten ausklingen lassen wollen), waren wir ziemlich bedrückt und besorgt. Sollten wir lieber zurückfliegen? Aber was konnten wir schon anderes tun als meine Mutter? Vielleicht würde er am nächsten Morgen schon wieder ganz der Alte sein? Wir gingen früh ins Bett und schliefen schlecht. Am Sonntagmorgen ging es Samuel Gott sei Dank besser und seine Temperatur blieb den Tag über im Normalbereich. Dafür erfuhren wir, dass unsere Tochter sich in den frühen Morgenstunden mehrmals übergeben hatte! Es ginge ihr wieder gut, versuchte meine Mutter mich zu beruhigen; sie habe sich nur übergessen… Für uns war es trotzdem schwierig, den Tag zu genießen und nicht ständig an unsere kränkelnden Kinder zu Hause zu denken.

Zumal wir uns bei aller Unabhängigkeit nicht wirklich „frei“ fühlten: Wegen des Nationalfeiertages und anderer Ereignisse konnten wir unser geplantes Programm nicht durchziehen und standen mehrmals vor verschlossenen Türen – sowohl am Sonntag als auch am Montag. Das hatten wir bei der Reiseplanung überhaupt nicht bedacht und ärgerten uns nun darüber.

Als wir am Montagabend wieder in Berlin landeten, schliefen unsere Kinder schon tief und fest. Es ging ihnen wieder gut und wir brauchten uns um ihre Gesundheit nicht mehr zu sorgen. Mein Liebster musste allerdings seine Tasche gleich für den nächsten Trip umpacken: Am nächsten Morgen ging es für ihn beruflich nach Düsseldorf – die auf unsere Reise folgenden Tage mussten wir ohne ihn zurechtkommen. Das war ziemlich stressig für uns alle. Gott sei Dank blieb meine Mutter noch einen Tag länger bei uns – denn den kompletten Dienstag schrie unser Sohn wie am Spieß. Als er mich am Morgen erblickte, ging es los: Er brüllte, schubste mich weg, wollte auf meinen Arm und dann doch nicht, schlug nach mir, schrie und schrie und schrie. Es dauerte drei Tage bis er wieder gut auf mich zu sprechen war, wobei er am Mittwoch wenigstens nicht mehr so viel schrie… Es war furchtbar!
Darauf war ich nicht vorbereitet gewesen. Ich erkannte mein eigenes Kind nicht mehr wieder: Mein kleiner, fröhlicher Kerl war mir gegenüber total reserviert und misstrauisch, er rannte nicht durch die Wohnung, er lachte nicht und er redete nicht. Ihn so zu erleben, tat mir unendlich weh. Es verunsicherte mich – und die Rabenmutter-Gedanken meldeten sich lautstark zu Wort: Du hättest ihn nicht allein lassen dürfen, schon gar nicht, als er krank war! Das war viel zu früh und viel zu lang und viel zu weit – das hättest du wissen müssen! Jetzt ist eure Mutter-Sohn-Beziehung vielleicht für immer gestört…

Und mein Mann konnte nicht bei uns sein, um diese Zeit mit mir gemeinsam zu bestehen. Das war schon ein harter Kontrast – nach drei Tagen intensiver Paarzeit bekamen wir uns fast drei Tage nicht zu Gesicht. Die Stimmung zwischen uns war nicht gerade rosig, als er von seiner Dienstreise zurückkam. Ich war total fertig von der Woche und wollte am Wochenende nur noch alle viere von mir strecken. Unsere Reise kam mir wie ein Fiasko vor, wie ein einziger Fehler, für den ich teuer bezahlen musste.

Inzwischen denke ich ein bisschen anders darüber. 
Meine Gedanken und Gefühle haben sich abgekühlt...

Mein Liebster und ich haben uns lange unterhalten und die Reise für uns ausgewertet. Folgende Erkenntnisse konnten wir für uns gewinnen:

Wir können nicht so tun (auch nicht für ein Wochenende), als hätten wir keine Kinder.
Ja, wir hatten uns das tatsächlich so vorgestellt: Wir geben die Kinder bei Oma ab und dann verleben wir eine ganz unbeschwerte Zeit miteinander, ganz so, wie wir sie vor der Kleinkindphase zusammen hatten. Nein, so funktioniert das nicht!
Wir können nicht einfach die Kinder aus unserem Bewusstsein streichen und wieder „Nicht-Eltern“ sein. Wir sind und bleiben Eltern, auch wenn unsere Kinder gerade nicht bei uns sind. Noemi und Samuel gehören so fest zu uns, dass wir uns ohne sie irgendwie unvollständig fühlen (das liegt sicherlich auch daran, dass sie noch so jung sind und es überhaupt die allererste Trennung von Samuel für mich war). Das Sich-Sorgen und Vermissen gehört wohl zu einer solchen Reise dazu – das wissen wir jetzt.

Nicht zu viel auf einmal wollen.
Gerade weil es unsere erste Reise ohne Kinder war, hatten wir uns besonders darauf gefreut und viele Erwartungen und Hoffnungen in die Zeit zu zweit gesteckt. Im Nachhinein wäre es wohl sinnvoller gewesen, klein anzufangen: Zuerst nur für einen Tag (und vielleicht eine Nacht) wegfahren, und nur so weit, dass man im Notfall schnell wieder zu Hause sein kann. Und dann kann man sich steigern. Für uns waren drei Tage und zwei Nächte in Budapest eigentlich zu viel: Zu weit und zu lange weg. Und für unseren Sohn mit seinen 21 Monaten war es anscheinend noch etwas zu früh, über so einen Zeitraum von mir getrennt zu sein. (Inzwischen geht es uns beiden wieder sehr gut und er ist wieder der kleine, wilde Racker wie eh und je!)

Entweder richtig gut planen oder total spontan sein – ein Mittelding funktioniert für uns nicht.
Wir sind beide ziemliche Planungsfreaks. Aber ausgerechnet bei dieser Reise haben wir die Vorbereitungen etwas schleifen lassen – wahrscheinlich weil wir die Stadt schon recht gut kannten und meinten, es nicht nötig zu haben, uns genau zu informieren. Leider konnten wir unsere mangelnde Planung und all die daraus resultierenden „Fehlschläge“ nicht mit Spontaneität und Flexibilität ausgleichen… das gehört nicht zu unseren Stärken.
Für die Zukunft bedeutet das, dass wir erstens: Unsere Reisen und das Programm besser planen werden und zweitens: Aber auch lernen möchten, flexibler zu reagieren, wenn ein Plan mal nicht aufgeht. Dabei brauchen wir jeweils die Unterstützung des anderen.

Den Kontakt nach Hause sinnvoll gestalten und begrenzen.
Internetfähige Smartphones und WhatsApp sind auf einer Reise natürlich unendlich praktisch. Gleichzeitig können die permanente Erreichbarkeit und die Möglichkeit zur Kommunikation mit den Kindern auch störend bzw. kontraproduktiv sein. Für mich war es wichtig, mit meiner Mama in Kontakt zu sein, um zu hören, wie es den Kindern ging. Aber was brachte es mir, zu wissen, dass das Fieber gestiegen war oder dass unsere Tochter erbrochen hatte? Letztlich führte diese Information ja nicht dazu, dass wir vorzeitig nach Hause flogen, sondern hatte „nur“ zur Folge, dass wir uns sorgten und unseren Budapest-Aufenthalt nicht uneingeschränkt genießen konnten.
Wir sind uns noch nicht sicher, wie ein gutes Maß an Kontakt nach Hause aussieht, aber wahrscheinlich ist weniger in diesem Fall mehr… dann hat man auch mehr zu erzählen, wenn man wieder zu Hause bei seinen Lieben ist.

Wir sind immer wieder ganz bewusst im Hier und Jetzt.
Auch wenn die Kinder uns ständig durch die Gedankenwelt huschen: Immer wieder dürfen wir sie auch ausladen und uns bewusst auf das Hier und Jetzt konzentrieren. Achtsam reisen würde ich das nennen: Was sehe ich? Von welchen Geräuschen und Gerüchen bin ich umgeben? Wie fühlt mein Körper sich an – und der Körper meines Mannes? Was fühle ich?
Das bedeutet auch, die Kamera mal stecken zu lassen und einen Moment einfach nur zu genießen, ohne ihn sofort auf ein Foto zu bannen.

Wir konzentrieren uns auf das, was schön war!
Es ist leicht für mich, in schlechte Stimmung zu verfallen und unsere Reise als Reinfall zu betrachten. Leider… Negative Gedanken ploppen schnell in mir auf. Aber das bedeutet nicht, dass ich ihnen allzu viel Beachtung schenken muss.
Falko und ich haben beschlossen, aus unserem Wochenend-Trip zu lernen und die positiven Aspekte in unserer Erinnerung zu verstärken. Hilfreich fand ich für mich, unsere Fotos zu sichten und Blog-Posts zu Budapest zu verfassen. Dabei machte ich mir bewusst, wie viele wunderschöne Momente wir miteinander teilen durften. Inzwischen bin ich auch dabei, ein Fotobuch des Wochenendes zu gestalten und habe viel Spaß daran. Die negativen Seiten spare ich dabei einfach aus…


Mein Mann und ich wissen noch nicht, wann wir das nächste Mal zu zweit verreisen werden.
Das wird auf jeden Fall irgendwann wieder fällig – und ich freue mich auch darauf.
Aber der nächste Urlaub wird wieder ein richtiger Familienurlaub sein: wir und unsere Kinder.
Das steht fest.




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