Montag, 14. November 2016

Mut am Montag




The wound is where the light shines through.
Switchfoot


Wir haben aber diesen Schatz in irdenen Gefäßen,
damit die überschwängliche Kraft von Gott sei und nicht von uns.

2.Korinther 4,7


Lange Zeit waren die Morgenstunden allein mit den Kindern für mich purer Stress. Frühstück vorbereiten, mich und die Kinder fertig machen – darauf bestehen, dass die Große sich allein anzieht (oder es wenigstens ernsthaft versucht), mit dem Riesenschiss in der Windel (und weit darüber hinaus!) fertig werden, einigermaßen friedlich zusammen frühstücken, Esstisch und Küche in den ursprünglichen Zustand zurückversetzen, dann Zähne putzen (unter heftigstem Protest unseres Jüngsten), Jacken und Schuhe, Mützen und Schals und Handschuhe anziehen (ebenfalls unter heftigstem Protest…) und es irgendwie ohne Nervenzusammenbruch aus dem Haus und zur Kita schaffen – pünktlich natürlich. Jeden Morgen das gleiche. Ich habe es wirklich gehasst und gefürchtet.

Und mich gleichzeitig gefragt, was mit mir los ist. Warum ich mir so einen großen Druck mache: Warum muss der Tisch abgewischt sein, wenn wir das Haus verlassen – könnte ich das nicht auch stressfreier erledigen, wenn ich wieder zu Hause bin? Warum müssen wir auf Teufel-komm-raus pünktlich in der Kita sein, jeden Tag? Immerhin ist das noch nicht die Schule und andere Leute machen sich da auch keinen Stress… (Mal abgesehen davon, dass wir es doch immer irgendwie rechtzeitig schaffen, und nicht nur gerade so. Es ist mir ein Rätsel.)

Zuerst dachte ich noch, das läge daran, dass ich leichte bis mittlere zwanghafte Züge an mir habe, und das stimmt (leider) auch. Alles muss nach meinen Vorstellungen laufen, ich möchte alles bis ins kleinste Detail kontrollieren, und komme mit (meiner Meinung nach sinnlosem) Widerstand nicht gut klar. Pünktlichkeit, Ordnung, Regeln, Sauberkeit – ja, das alles ist mir ziemlich wichtig. Und in vielen Situationen offensichtlich zu wichtig…

Und dann hatte ich die Erkenntnis: Ich schaffe es nicht, ruhig zu bleiben, weil mein Leben davon abhängt, dass die Kinder spuren und wir einen guten Eindruck machen. Es sind nicht primär Ordnung und Pünktlichkeit, die mir am Herzen liegen, sondern vielmehr MEIN IMAGE!
Da musste ich erstmal schlucken, denn so hatte ich mich bisher noch nicht gesehen: Als jemand, der unbedingt gut vor anderen dastehen will.
Und doch ist es wahr:
Unsere Wohnung muss ordentlich und sauber aussehen, damit andere das lobend bemerken und bewundern (besonders von meiner Mutter wünsche ich mir in diesem Punkt Anerkennung, die ich aber nicht bekomme...).
Wir müssen pünktlich in der Kita sein, mit perfekt gestylten Kindern (samt gestylter Brotbox), damit die Erzieher mich für eine tolle Mutter halten, die alles hinkriegt und mit links managt.
Wenn ich meine Kinder anschreie, mache ich mir zuerst Gedanken: Was werden die Nachbarn denken? anstatt mich um die verletzten Seelen meiner Kinder zu sorgen…

Bitter!

Vor einiger Zeit hatten wir in unserer Gemeinde eine Predigtreihe zum Thema „Antreiber“ und ich identifizierte bei mir vor allem den Antreiber „Sei perfekt!“. Mittlerweile bin ich mir nicht mehr so sicher, ob da nicht eher ein „Zeig keine Schwäche!“-Antreiber bei mir vorliegt oder zumindest eine unheilvolle Mischung aus den beiden.
Das habe ich lange nicht bemerkt, da ich der Meinung war, durchaus Schwäche zulassen und zugeben zu können. Auch hier auf meinem Blog schreibe ich ja einigermaßen regelmäßig darüber.
Aber wenn ich ganz tief in mich hineinschaue und ganz ehrlich bin, dann offenbare ich meine Schwächen doch gerne so, dass ich am Ende irgendwie gut dabei weg komme: Ich dosiere, ich beschönige, ich lasse schmutzige Details weg, ich gebe mich selbstreflektiert, geläutert und lernfähig.

Mit meinem Kontrollzwang halte ich die Schwäche im Zaum – oder versuche es zumindest. Solange es mir gelingt, die Kinder und den Haushalt und meine Gefühle in Schach zu halten, wahre ich den schönen Schein und fühle mich ziemlich kompetent. Leider wird meine mühsam aufgebaute Fassade allzu gern von meinen Kindern heruntergerissen, die damit überhaupt nichts anfangen können und sich in ihrem Handeln nicht von Überlegungen zu ihrem (oder meinem….) Image leiten lassen. Wenn sie ihre Jacken nicht anziehen wollen, schmeißen sie sich eben hin und brüllen und toben und lassen meine Contenance mit einem lauten Knall zerplatzen.

Und dann lese ich (mal wieder), was Paulus so atemberaubend schön und extrem herausfordernd in seinem zweiten Brief an die Korinther schreibt:


„Und Er hat zu mir gesagt:
‚Lass dir an meiner Gnade genügen,
denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig.‘
Darum will ich mich am allerliebsten rühmen
meiner Schwachheit, damit
die Kraft Christi bei mir wohne.“

2.Korinther 12,9


Ja, meine Kraft ist klein.
Mein Geduldsfaden ist dünn.
Meine Ansprüche an mich selbst und meine Kinder – viel zu hoch!
Meine Fassade: Brüchig.
Mein Selbstvertrauen: Schwankend.
Mein Nervenkostüm: Fadenscheinig.


Aber für Jesus scheint das ok zu sein.

Er weiß von meiner Schwachheit und sagt nicht das, was ich sonst gern zu mir sage: „Reiß dich zusammen! Stell dich nicht so an! Was sollen denn die anderen Mamas von dir denken?“
Er sagt gar nichts zu meiner Schwachheit – vielmehr spricht er von seiner GNADE. Und die ist genug. Er spricht von seiner KRAFT, mit der er in mir – IN MIR! – wohnt.

Es wird wohl noch ein langer Weg, bis ich das auch so bejahen und leben kann wie Paulus. Dafür bewundere ich ihn sehr: Dass er nicht mehr mit seiner Schwachheit haderte, dass er nicht mehr versuchte, selbst stark zu sein! Dass es ihm egal war, was Menschen von ihm dachten oder wie er auf andere wirkte. Dass er vielmehr seine Schwachheit dankbar annahm, um dadurch die Kraft Gottes in und durch sich als wirksam zu erfahren.

Ich bin ein schwacher Mensch.
Ein zerbrochenes Gefäß.

Das möchte ich nicht mehr verstecken.

Vielmehr wünsche ich mir, dass durch all die Risse und Brüche und Lücken meines Lebens Gottes Licht nach außen scheint. Dass Er in mir und durch mich wirkt mit SEINER Kraft. 
Ich möchte wegkommen von meiner Fixierung auf mein gutes Image und endlich aufhören darüber nachzudenken, wie ich bei anderen ankomme.
Vielmehr wünsche ich mir eine Jesus-Fixierung in meinem Leben, dass meine Gedanken und Gefühle sich auf ihn fokussieren und mehr und mehr von ihm geprägt und bestimmt werden.

Amen.
 


PS: Hier findet ihr das Lied Where the light shines through von Switchfoot - ein schöner Soundtrack für diesen Montag! Alles Liebe euch!


1 Kommentar:

  1. Danke für den mal wieder sehr ehrlichen Text, Rebekka! Kann ich nur zustimmen. Und ich lese zur Zeit die Geschichte von Susanna Wesley und mir stand dabei öfter mal der Mund offen, weil da so viel schief zu gehen schien. Und was kam dabei raus? Einflussreiche Söhne, die Gott gebraucht hat! Also fühl dich weiter ermutigt :) lg, Anne

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