Dienstag, 31. Januar 2017

Ein Brief an meinen Sohn




Mein lieber kleiner großer Samuel,

dein Geburtstag ist bereits eineinhalb Wochen her und ich habe es noch immer nicht übers Herz gebracht, die Partydeko wegzuräumen. Die Foto-Girlande hängt nach wie vor über unserem Esstisch und ich freue mich täglich an deinen süßen Babyfotos; auf dem Fensterbrett fristen die Lightbox („Zwei Jahre mit dir“) und der Geburtstagszug (ohne Kerzen) ihr Dasein.
Ich glaube, das ist ein bisschen symptomatisch für meinen aktuellen Zustand: dass es mir schwerfällt, loszulassen und Veränderungen zu akzeptieren.

Seit deinem zweiten Geburtstag ist etwas im Umbruch bei dir, eine Veränderung bricht sich bahn: Zum einen schläfst du mittags nicht mehr so lang. Bisher musste ich dich immer um halb drei wecken, um es pünktlich zur Abholzeit deiner Schwester in die Kita zu schaffen. Nun sitzt du hellwach in deinem Bett und begrüßt mich, wenn ich ins Zimmer komme, oder du rufst mich schon einige Zeit vorher zu dir. (Ach, bitte mach doch noch ganz lang einen Mittagsschlaf, ja?!)
Und dann bist du gerade sehr auf deinen eigenen Weg bedacht, willst deine eigenen Regeln basteln und bloß nicht auf das hören, was ich von dir möchte. Vor allem das Schneeanzug-Anziehen kostet uns beide unendlich viele Nerven und Tränen – es ist eine schreckliche Tortur, die ich uns beide gern ersparen würde, aber leider nicht kann. (Der Frühling kommt hoffentlich ganz bald, mein Schatz!) Beim Essen turnst du plötzlich herum und machst Anstalten, mittendrin aufzustehen – einfach, um uns zu zeigen, dass du das kannst.

Du wirkst so selbstständig und unabhängig, auf einmal… Ich habe den Eindruck, du möchtest nicht mehr (nur) mein kleiner, lieber Junge sein – nein, du hast andere Vorstellungen von dem, der du bist, und die strebst du sehr vehement umzusetzen. Du kommst nicht mehr so viel zum Kuscheln zu mir, erscheinst mir weniger verspielt – vielmehr wilder, fast grob, auch ernster, stärker.

Es fällt mir wirklich schwer, dich loszulassen, beziehungsweise das Baby Samuel loszulassen, und dir zu „erlauben“, groß zu werden und dich weiterzuentwickeln. Ja, ich weiß nicht genau, wohin die Reise geht, wer du sein wirst, wenn du dich einmal auf den Weg gemacht hast, und ob du mir gestatten wirst, dir weiterhin so nah zu sein.

Das Leben mit euch Kindern ist ständig in Bewegung – nie können wir sagen: „Jetzt haben wir es „geschafft“, so bleibt es jetzt, wir können die Beine hochlegen und den Frieden genießen.“ Vielmehr folgt eine Phase auf die nächste. Manchmal atmen wir hörbar auf, wenn wieder eine anstrengende, aufreibende Etappe geschafft ist, dann wieder können wir unser Glück kaum fassen und wünschen uns, dieser Moment möge niemals enden.
Ich weiß das eigentlich, möchte es aber gelegentlich nicht wahrhaben. Seit deiner Kita-Eingewöhnung im September verlief unser Leben so ruhig und gleichförmig, alles war ziemlich angenehm und entspannt, und ich wiegte mich in der trügerischen Sicherheit, so würde es ewig weitergehen. Mir gefiel das alles so: deine Fröhlichkeit, dein ausgeglichenes Temperament, dein ausgedehnter Mittagsschlaf (und deine warme, rotwangige Weichheit, wenn ich dich aus dem Bettchen hob).

Und nun passiert wieder etwas, du rüttelst an den Gegebenheiten, schüttelst deine Babyhaftigkeit ab wie eine alte Haut, und ich stehe ratlos vor dir: Wer bist du? Was wird kommen? Wie wirst du sein?

Ja, ich glaube „Loslassen“ ist gerade mein Thema....

So sehr ich mir in manchen Bereichen meines Lebens Veränderung wünsche – wenn sie dann eintreten, machen sie mir Angst. Wenn sich etwas bewegt, wenn Dinge geschehen, die ich nicht beeinflussen kann, dann reagiere ich darauf oft trotzig und starr. Ich will einfach weitermachen wie bisher, anstatt die neuen Parameter zu akzeptieren und darauf angemessen zu reagieren.

Dabei birgt auch diese neue Phase, die mir aktuell überhaupt nicht gefällt, weil sie laut und anstrengend und herzzerreißend ist, wieder eine Chance. Die Chance, dich wieder neu und irgendwie anders kennenzulernen, mehr von dem zu entdecken, was dich ausmacht, und in der Beziehung mit dir zu wachsen.
Tief innen möchte ich ja gar nicht, dass du für immer ein Baby bleibst. Es macht mich stolz, zu beobachten, wie du dich entwickelst. Es macht mich froh, dass dir Flügel wachsen (und gleichzeitig auch zwei Hörner, wie mir scheint ;)) und dass du dich traust, meine Hand loszulassen. Du bist ein kleiner Entdecker, mutig und unerschrocken, und das gefällt mir sehr an dir.

Als du noch in meinem Bauch herumschwammst, war ich so neugierig darauf, dich kennenzulernen, dich zu erleben und zu entdecken, was für ein Mensch du bist. Dann wurdest du geboren und wir lernten uns kennen – Samuel als Neugeborener, dann als Baby, scheinbar viel zu schnell als Kleinkind. Immer wieder anders und doch ganz tief vertraut, ganz selbstverständlich unser Kind.
Und so geht es weiter, das Abenteuer, deine Mama zu sein – die Entdeckungsreise hin zu dir, gemeinsam mit dir.

Ich möchte wieder mehr eine beobachtende Position einnehmen: Meinen Jungen anschauen und wirklich dich sehen. Nicht eine Wunschvorstellung oder eine Erinnerung, nicht ein Idealbild oder eine Kopie – ich möchte dich sehen.
Ich möchte offen sein für das, was kommt – offen sein für dich, und mich nicht krampfhaft an dem festhalten, was einmal war.
Das ist meine Aufgabe: Nicht festhalten, sondern loslassen. Denn du gehörst mir nicht.
Dich nicht in feste Formen pressen, sondern dir erlauben, der zu sein, der du bist. Du sollst der sein dürfen, als den Gott dich erdachte. In jeder Phase.

Und eines ändert sich ja nicht.
Ich bin und bleibe
deine dich liebende Mama





1 Kommentar:

  1. Wie viel ich davon schon lernen kann, fuer die Zeit als Mutter, falls sie mal kommt. Danke! Er wird es später bestimmt sehr zu schätzen wissen das zu lesen.

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