Samstag, 10. Juni 2017

Das Monster und ich




Letztes Wochenende fuhren wir vier spontan nach Weimar, um unser kulturelles Versäumnis nachzuholen – bis dato waren wir nämlich noch nie in Goethes Heimatstadt gewesen (O-Ton Noemi: „Der Goethe hat ganz viel geschrieben. Das war soooo anstrengend!“ :)). Es hätten zwei ganz wundervolle Tage werden können, wenn es ein bisschen weniger geregnet und ich nicht unter heftigster PMS-Laune gelitten hätte… Weimar ist wirklich schön und wir werden gern noch einmal wiederkommen, aber dieses Stimmungstief zum Zyklusende braucht wirklich niemand.

Besonders schlimm ist übrigens die Kombination PMS und Kinderwunsch. Und eine sich verspätende Periode, so dass man sich schon in alle möglichen (bzw. unmöglichen) Szenarien hineinsteigert und einen Schwangerschaftstest kauft. Trotz heftigster PMS-Symptome. Und trotz der Diagnose, die meine Frauenärztin und auch die Ärzte im Krankenhaus in den Raum gestellt haben… der Kinderwunsch wird wohl noch lange mein Begleiter sein – etwas Genaues kann nur eine Operation ergeben.

Diese Diagnose war zunächst ein Schock für mich (ich erwähnte ja schon, dass ich mich gern in Dinge hineinsteigere). Vielleicht wird es nicht mehr klappen mit einem dritten Kind. Nicht in diesem Jahr und vielleicht überhaupt nicht mehr. Das tat weh und tut es noch.
Dann machte sich Erleichterung breit. Wenn man dem Monster einen Namen gibt, ist es nicht mehr ganz so bedrohlich: Wenigstens weiß ich jetzt, woran es liegt. Und man kann (prinzipiell) etwas dagegen tun. Die Diagnose ist nicht lebensbedrohlich. Vielleicht ist es besser so.
Ich muss abwarten – den nächsten Termin im Krankenhaus und dann vermutlich die OP. Und danach wahrscheinlich auch noch ein paar Monate.
Manchmal ist das ok. Den Großteil der Zeit lebe ich ganz gut damit. Ich habe zwei Kinder, für die ich sehr dankbar bin und die mein Herz mit Liebe füllen. Diese beiden sind mir anvertraut. Diese beiden sind meine Aufgabe.
Ich kann mir vorstellen, dass Gott jetzt etwas anderes mit mir vorhat, dass es jetzt an der Zeit ist, nach vorne zu schauen und die Schritte endlich zu gehen, die ich schon so lange vor mir herschiebe. Vielleicht ist es jetzt an der Zeit, mutig zu sein und eine weitere Aufgabe anzunehmen („mit meinen Pfunden zu wuchern", wie die fromme Stimme in mir es nennt).

Und dann nähert sich mein Zyklus seinem Ende. Ich zähle die Tage und warte auf die Symptome, ich horche in mich hinein und versuche zu ignorieren, was ich fühle: Es ist alles so wie immer. Meine Haut wird schlechter, ich bekomme Bauchschmerzen, meine Reizbarkeit ist wie ein grummelndes Monster, das jederzeit aufwachen und losbrüllen kann. Ich warte und hoffe und bilde mir Dinge ein und versuche, realistisch zu bleiben, ich bin enttäuscht und traurig und erleichtert zugleich.
Jeden Monat neu (seit fast einem Jahr…) frage ich mich, wie lange man das aushalten kann. Wie lange ich das aushalten kann. (Denn mir ist klar, dass manche Frauen jahrelang damit leben müssen, dass viele vergeblich warten und hoffen, und dass ich nicht weiß, wie dieser Schmerz sich anfühlt, wenn man ungewollt kinderlos bleibt!)

Dieses Mal war es besonders hart, weil meine Periode sich um zwei Tage verspätete (was absolut unüblich bei mir ist). Hoffnung keimte in mir auf, obwohl die Zeichen ganz eindeutig negativ waren – da hätte es auch keinen Test gebraucht. Es kam mir so vor, als würde mein Körper mir eine Schwangerschaft vorgaukeln wollen, als würde meine Sehnsucht nach einem Kind sich körperlich ausdrücken. Ich wollte es einfach nicht wahrhaben, dass es auch diesmal nicht geklappt hat. Das durfte einfach nicht sein.

Manchmal bin ich so wütend auf meinen Körper! Warum er nicht funktioniert, warum er nicht das tut, was er soll, wofür er doch gemacht wurde – und was er schon zweimal geschafft hat. Es fühlt sich an wie Versagen, auch wenn meinem Kopf klar ist, dass das überhaupt nichts damit zu tun hat.
Bisher hielt ich das Kinder-zeugen für eine der einfachsten Dinge der Welt: Man liebt sich, man verhütet nicht – man bekommt ein Kind. Ganz natürlich, wie von Anbeginn der Zeit.
Ein Samenkorn fällt in die Erde und kurz darauf schaut ein kleines, zartes Pflänzchen heraus. Easy peasy. Doch diese Rechnung geht nicht auf. Nicht immer: Auf unserem Balkon habe ich Kapuzinerkresse ausgesät. Von acht Samen gingen sechs auf. Zwei nicht. Ich habe keine Erklärung dafür.
Und genau so ist es auch ein absolutes Mysterium, ob und wann ein Kind entsteht. Wir können es nicht bis ins letzte durchdringen, weil es ein Wunder ist. Weil wir es nicht „machen“ können, weil wir keinerlei Kontrolle darüber haben. Das fällt mir schwer. Richtig schwer. Ich war es gewohnt, mein Leben zu planen und dabei erfolgreich zu sein. Es kam (fast) immer alles so, wie ich es mir gewünscht und vorgenommen hatte. Jetzt bin ich in eine Sackgasse geraten – jedenfalls fühlt es sich für mich oft so an. Es geht nicht vor und nicht zurück und ich kann nichts tun. (Nur vertrauen, flüstert eine leise Stimme mir zu. Vertrau mir!)

Auch für meine Familie ist diese Situation nicht einfach. Eine Mama mit PMS ist eine äußerst ungeduldige, gereizte, unberechenbare Mama. Ich werde schuldig an meinem Mann und an den Kindern und zerfleische mich dabei selbst in Vorwürfen. Auch wenn der Kinderwunsch immer da ist, schwanke ich an PMS-Tagen hin und her zwischen dem sehnsüchtigen Wunsch und der abgrundtiefen Überzeugung, ein drittes Kind sowieso nicht wuppen zu können: Wie soll ich mit drei Kindern zurechtkommen, wenn mir gerade meine beiden schon zu viel sind? Ich bin dafür doch gar nicht geschaffen, ich bin total unfähig als Mutter! Gott verwehrt mir ein weiteres Kind, weil er mich für so ungeeignet hält… ich habe es einfach nicht verdient und werde deshalb nicht schwanger…
Das sind eigentlich die schlimmsten Gedanken. Obwohl mir in meinen etwas klareren Momenten durchaus bewusst ist, dass ich die Situation gerade nicht objektiv beurteilen kann. Schon jetzt, wenige Tage später, sehe ich meinen Alltag mit den beiden Kindern viel realistischer und weiß, dass ich in das Leben mit drei Kindern genauso hineinwachsen kann (und muss) wie in das Leben mit einem und dann mit zwei Kindern.

Obwohl ich schon seit einiger Zeit so stark mit PMS zu tun habe, ist mir noch nicht wirklich gelungen, auf gute Weise damit umzugehen – ich habe keine wirksamen Strategien um das Monster zu besiegen, leider.
Aber ich habe Rettungsanker, die mir an weniger guten Tagen helfen: 


Ich schreibe auf, wofür ich dankbar bin. Das ist immer eine ganze Menge.

Ich schaue mir Fotos von mir mit Babybauch (leider habe ich davon nur sehr wenige) und von unseren Kindern als Babys an. Ich erinnere mich an diese besonderen Zeiten – an das Schöne und an das Schwere – und weiß, dass diese Momente mir niemand mehr nehmen kann. Ich bin dankbar, dass ich dieses Wunder schon zweimal erleben durfte und versuche, mir das genug sein zu lassen. 

Ich genieße meine Kinder. Sie sind keine Babys mehr, aber sie haben immer noch eine unendlich weiche und zarte Haut! Ich genieße es, mit ihnen zu kuscheln, sie anzuschauen, ihnen zuzuhören, mit ihnen unterwegs zu sein. Sie sind die Schätze, die ich habe und die ich liebe – da zählt es überhaupt nicht, ob ich noch einen Schatz dazu bekomme, irgendwann, oder nicht.

Ich genieße das Nicht-Schwanger sein. Vor allem kulinarisch: Hallo, leckerer Räucherlachs, weiches Ei, Rohmilchkäse, Weißweinglas! Und all die Freiheiten, die mit größer werdenden Kindern einher gehen - das wird alles wieder anders, wenn doch noch ein kleiner Schatz zu uns stößt!


Ich singe My Lighthouse von Rend Collective: You are the peace in my troubled sea. Dieses Lied ist Balsam für meine Seele.

Ich schreibe in mein Tagebuch. Alles, was mich bedrückt, fließt aufs Papier und erleichtert mein Herz.

Ich male. Und lasse dabei los. Das gelingt mir immer besser.

Ich lese in der Bibel und finde darin so viel Trost. Und Hoffnung. Ich lese darin, dass ich hoffen darf, denn unser Gott liebt das Leben und er tut Wunder.

Ich nehme Anteil an den Schwangerschaften in meinem Umfeld. Ja, der Anblick runder Babybäuche gibt mir manchmal einen Stich – aber ich merke, dass es mir weniger weh tut, wenn ich mich mit den werdenden Mamas freue. Wenn ich ihnen etwas Gutes tue, wenn ich mit ihnen zusammen staune, wenn ich (so gut es geht) für sie da bin. Ich kann aus meiner Erfahrung schöpfen, mich erinnern und mich über das Wunder freuen (ohne selbst unter Einschränkungen und Beschwerden zu leiden).

Ich versuche, mich auf andere Dinge zu konzentrieren und das Beste aus der aktuellen Situation zu machen. Das fällt mir schwer – aber wenn Plan A nicht aufgeht, muss eben Plan B her. Bald ist Samuel alt genug (zumindest nach meinem Empfinden), um mehr Stunden in der Kita zu verbringen. Dann bricht für mich eine neue Zeit an. Das wird spannend und herausfordernd und ich bin gespannt, was Gott für mich bereithält.





Kommentare:

  1. Ich finde es stark und gut, dass du so offen über deine Kämpfe schreibst. Bin die perfekten Selbstbeweihräucherungsblogs leid. Finde mich in manchem wieder.
    Gott segne dich mit Gutem, Hoffnung und Freude!
    LG Angela

    PS: Hast du wg PMS (und der neuen Diagnose, und auch Depressionen) schon mal für dich beten lassen um Heilung oder auch Befreiung? Mir geht es so, mit manchen Sachen findet man sich ab auch als Christ, aber vielleicht muss das gar nicht (immer) sein. Erlebe zB eben bei einer Freundin, wie sie nach 10 Jahren von Depressionen und Medikamenten frei wird. Sehr krass. Gleichzeitig hab ich selbst auch Sachen, die (noch?) nicht geheilt wurden, für die ich aber zt auch nicht wirklich beten lasse eben weil ich mich schon so "dran gewöhnt" habe, wenn du verstehst was ich meine.

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    1. Hallo Angela und vielen Dank für deinen Kommentar! Es ist tatsächlich so, dass ich noch nicht konkret um Heilung für mich habe beten lassen. Vielleicht weil ich denke, dass ich mit bestimmten Dingen einfach leben muss bzw. es ja Möglichkeiten der Behandlung/Therapie gibt? Vielleicht weil das in meiner Gemeinde so nicht wirklich praktiziert wird? Da kommen sicher ein paar Gründe zusammen, aber ich werde deinen Vorschlag mal im Herzen bewegen! Danke dafür und liebe Grüße :)

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  2. Alles Gute für deinen Weg zum Finden und dankbar sein und von Gott überrascht werden, Reh! Grüßel von deinem PMS-Buddy ;D

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