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Sonntag, 28. Oktober 2018

Warum wir Halloween nicht feiern




In den letzten Jahren nimmt der Halloween-Trend immer mehr zu und es ist schwer, sich all den Kürbisfratzen, Totenschädeln und Gruselartikeln zu entziehen, die schon Anfang Oktober in der Werbung und in Geschäften zu finden sind. Auch auf Blogs ist vermehrt von Halloween zu lesen, mit Deko-Tipps und gruseligen Rezepten und (scheinbar) familientauglichen Aktivitäten.

Für mich ist diese Faszination, ehrlich gesagt, befremdlich.
Wir als Familie feiern Halloween ganz bewusst nicht, und ich möchte gern ein paar Gedanken mit euch teilen, warum wir das nicht tun - und wie wir stattdessen den 31. Oktober begehen.

Bevor ich auf unsere Beweggründe eingehe, möchte ich noch voranstellen, dass dies meine bzw. unsere persönliche Meinung ist und wir diese Erkenntnisse für uns als Familie so für richtig halten. Wenn ihr das mit euerer Familie anders handhabt, interessiert mich auf jeden Fall das Warum und wie ihr zu meinen Argumenten steht! Zögert also nicht, mir einen Kommentar zu hinterlassen oder auch eine Nachricht zu schreiben.

Also, warum wir Halloween nicht feiern:

1) Wir finden die Art und Weise, wie dieses Fest begangen wird, nicht sinnvoll und nachahmenswert. Abgesehen davon, dass Halloween total kommerzialisiert wird und es dabei um keine vermittlungswürdigen Werte, sondern primär um Süßigkeiten und Grusel geht, waren diese beiden Aspekte für unsere Entscheidung entscheidend:

  • Wir möchten unsere Kinder nicht zu Erpressung anstiften
Natürlich kann man es lustig finden, dieses ganze "trick-or-treat", "Süßes-oder-Saures"-Prinzip. Ein harmloses Spiel für die Kinder.
Ganz so lustig und harmlos ist es aber nicht. Wir haben zumindest schon erlebt, dass die Drohung in die Tat umgesetzt wurde, dass Hauswände mit Eiern beworfen wurden und ähnliches. Vielleicht nicht von kleinen Kindern, aber zu einer Zeit, zu der auch kleine Kinder draußen unterwegs waren.
Letztlich ist "Süßes-oder-Saures" nichts anderes als Erpressung, und dazu werden wir unsere Kinder nicht anstiften oder gar dabei begleiten.
Das ist nicht die Ethik, die unser Handeln bestimmen soll.

  • Wir halten es für bedenklich, Kinder dazu zu ermutigen, Süßigkeiten von fremden Menschen anzunehmen
Noch weniger nachahmenswert finden wir aber die Praxis, dass Kinder herumlaufen (zunächst noch in Begleitung ihrer Eltern, später aber auch allein), um bei fremden Menschen zu klingeln und Süßigkeiten zu verlangen - Süßigkeiten, die wir ihnen sonst einschärfen, niemals von Fremden anzunehmen!
Mal abgesehen davon, dass wir nicht so darauf stehen, dass unsere Kinder Unmengen von (größtenteils) billigen Süßigkeiten einsammeln und verzehren - Halloween ist unter Umständen eine Möglichkeit für Menschen mit bösen Absichten, Konakt zu Kindern aufzunehmen und sie mit Süßigkeiten anzulocken.
In einem ländlichen Setting, wo man sich ohnehin untereinander kennt, ist diese Gefahr möglicherweise geringer, aber gerade in der Stadt, wo so viele Menschen dicht an dicht wohnen und man unmöglich alle Nachbarn kennen kann, möchten wir nicht, dass unsere Kinder an Halloween unterwegs sind.


2) Wir können nicht hinter dem stehen, was an Halloween gefeiert wird:
  • Die Herkunft von Halloween ist zumindest dubios
Ob Halloween einen keltischen (heidnischen) Ursprung hat, wird von manchen Seiten bestritten. Ein klar christliches Fest ist es jedoch auch nicht, wenn es auch auf den katholischen Feiertag Allerheiligen fällt.
Natürlich könnte man argumentieren, dass auch urchristliche Feste wie Weihnachten und Ostern mit teilweise heidnischen Bräuchen und Symbolen begangen werden. Dem gegenüber steht aber die Tatsache, dass wir als Christen genau wissen, was und vor allem wen wir an Weihnachten und Ostern feiern, und dass dieser Jesus bei diesen Festen für uns im Mittelpunkt steht.
Bei Halloween ist das nicht der Fall, und an Fasching übrigens auch nicht. (Und der Kommerzialisierung und Sinnentleerung der christlichen Feiertage stehe ich auch sehr kritisch gegenüber!)

  • Wir können und wollen das, was an Halloween gefeiert wird, nicht feiern
Dies ist für uns das wichtigste und entscheidende Argument, Halloween nicht zu feiern: Wir können und wollen die Dunkelheit nicht glorifizieren. Dämonen, Geister, Hexen, Totengebeine - all diese Wesen stehen für den Tod und für das Böse.
Wir aber glauben an das Leben, wir möchten Kinder des Lichts sein, wir glauben an den Sieg Jesu über das Böse!
Ich habe in letzter Zeit Erfahrungen mit einer jungen Frau gemacht, die in okkulten Verstrickungen gefangen ist. Für sie haben Dämonen und Geister eine ganz andere Realität als die meisten von uns sich das vorstellen können. Es gibt in ihrem Leben eine dunkle Macht, die sie zerstören will, und ich bete so sehr dafür, dass Jesus sie frei macht - dass sie erlebt, dass das Böse nicht in ihrem Leben herrschen darf.
Auch deshalb bin ich sehr vorsichtig mit Phänomenen, die in Richtung Esoterik oder gar Okkultismus gehen. Ich halte nichts davon, Zauberei oder lustige "Hex! Hex!"-Geschichten zu verharmlosen.  Nicht aus Angst, sondern weil ich allem, was Jesus ablehnt und verspottet, keinen Raum zugestehen möchte. Er ist der Herr, und er ist der Heiland, und außer ihm gibt es keinen anderen!
Nicht zu Halloween und an keinem anderen Tag.


Mir ist klar, dass Halloween auch in gläubigen Familien immer mehr salonfähig wird.
Ich bin keine, die grundsätzlich gegen alles ist.
Aber ich bin auch nicht einfach für etwas, nur weil alle anderen es toll oder unbedenklich finden.
Und an Halloween finde ich überhaupt nichts Gutes.


Wie begehen wir aber nun den 31. Oktober?

In unserer Gemeinde findet schon seit vielen Jahren am Abend des 31. Oktobers das sogenannte "Reformationstagsfeuer" statt. Wir feiern im Gemeindegarten mit Lagerfeuer, Stockbrot, Würstchen vom Grill, Glühwein und Kinderpunsch und (für die Kinder ganz wichtig) vielen Knicklichtern.
Es gibt eine Andacht oder einen Impuls zum Thema Reformation - im vergangenen Jahr, anlässlich des 500. Reformationsjubiläums, gab es ein etwas umfangreicheres Programm. Wir konnten uns zum Beispiel alle als Martin Luther verkleidet fotografieren lassen :)


Die Gemeindekinder lieben dieses Fest und haben darin eine schöne Alternative zum Süßigkeiten erpressen gefunden - Süßigkeiten gibt es am Reformationstag in der Gemeinde natürlich auch.

Unsere Kinder sind relativ klein und bekommen den Hype um Halloween noch nicht so mit.
Wenn es für sie ein Thema wird und sie zusammen mit anderen Kindern verkleidet um die Häuser ziehen möchten, werden wir mit ihnen besprechen, warum wir das nicht wollen. Die Argumente, die ich euch oben aufgelistet habe, sind auch für Kinder verständlich.
Wir bieten ihnen eine schöne Alternative: Eine Art zu feiern, die Gemeinschaft fördert, die Jesus in den Mittelpunkt stellt, die wie ein Licht leuchtet in einer dunklen Nacht.

Es gibt für uns einfach keinen einzigen Grund, Halloween zu feiern, nur lauter Gründe, die in unseren Augen dagegen sprechen - und deshalb tun wir es nicht.



Was denkt ihr darüber?
Wie handhabt ihr Halloween mit eurer Familie?

Ich bin gespannt auf eure Kommentare!


Montag, 12. März 2018

Preach it, baby!


Das vergangene Wochenende war ein sehr aufregendes für mich, denn: Ich hielt gestern die Predigt in meiner Gemeinde.
Schon seit ein paar Wochen läuft bei uns ein Homiletik-Seminar, in dem wir lernen, wie man eine Predigt vorbereitet und hält, und in diesem Rahmen wagte ich mich dann auch an die Praxis. Ja, das war wirklich spannend und hat mich einiges an Nerven gekostet, wie ihr euch vorstellen könnt.

Heute bin ich erleichtert und dankbar, dass ich diese Möglichkeit hatte; dankbar auch für den wunderbaren Predigttext, über den ich sprechen konnte - und vielleicht bin ich gerade auch ein bisschen übermütig, indem ich euch verrate, wo ihr die Predigt (aktuell noch!) hören könnt, nämlich hier, auf der Startseite unserer Gemeinde-Homepage.

Ich habe selbst kurz reingehört und fand es einigermaßen furchtbar, aber so ist das ja meistens, wenn man die eigene Stimme plötzlich zu einem sprechen hört...

Für die, die lieber lesen und etwas vor Augen haben, ist hier die Predigt, leicht verändert, in Schriftform:


Lukas 5,12-16 Die Heilung eines Aussätzigen/ Die Berührung eines Unberührbaren

12 Und es begab sich, als er in einer der Städte war, siehe, da war ein Mann voller Aussatz. Als er Jesus sah, fiel er nieder auf sein Angesicht und bat ihn und sprach: Herr, willst du, so kannst du mich reinigen.
13 Und er streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach: Ich will’s tun, sei rein! Und sogleich wich der Aussatz von ihm.
14 Und er gebot ihm, dass er’s niemandem sagen sollte. Geh aber hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, wie Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis.
15 Aber die Kunde von ihm breitete sich immer weiter aus und es kam eine große Menge zusammen, zu hören und gesund zu werden von ihren Krankheiten.
16 Er aber entwich in die Einöde und betete.

1.  Der Unberührbare


Jesus ist in Judäa unterwegs und predigt dort in den Synagogen. Das ist seine Aufgabe, sein Auftrag, die gute Botschaft vom Reich Gottes überall zu verkünden. Er ist aber nicht nur bekannt für seine vollmächtigen Worte, sondern auch (vielleicht sogar vor allem) für seine Wundertaten, für seine Fähigkeit, jede Krankheit zu heilen. Davon hat auch der aussätzige Mann gehört, von dem wir im Text lesen. Seinen Namen kennen wir leider nicht.
Aber wir erfahren das bis dahin wesentliche Merkmal seiner Existenz, seiner Identität: Er war nämlich „voller Aussatz“.

Aussatz – im Griechischen steht hier das Wort „Lepras“, was aber nicht unbedingt bedeuten  muss, dass dieser Mann hier Lepra hatte. Es kann auch eine andere Hautkrankheit gewesen sein. Die Bibel ist kein medizinisches Fachbuch und es geht hier nicht um eine genaue Diagnose. Zu Zeiten Moses und auch zu Zeiten Jesu, waren nicht primär Ärzte für den Aussatz zuständig, sondern Priester. Gemäß 3. Mose 13 muss ein Mensch, der eine Auffälligkeit auf seiner Haut bemerkt, zum Priester gehen und sich vorzeigen. Der Priester entscheidet, ob es sich tatsächlich um Aussatz handelt. Wenn ja, ist dies eine niederschmetternde Diagnose!

In 3. Mose 13,43f steht: „Wer nun aussätzig ist, soll zerrissene Kleider tragen und das Haar lose und den Bart verhüllt und soll rufen: Unrein! Unrein! Und solange die Stelle an ihm ist, soll er unrein sein, allein wohnen und seine Wohnung soll außerhalb des Lagers sein.“

Ein aussätziger Mensch ist ein Ausgestoßener aus der Gesellschaft.
Diese Diagnose bedeutete das soziale Aus, Trennung von der Familie und dem sozialen Leben, Trennung von Beruf und Wohlstand.
Ganz abgesehen von dem körperlichen Leid, von den Schmerzen, dem Ekel, dem Gestank!
Und: Aussatz bedeutete Ausgeschlossenheit von religiösen Riten und Bräuchen.
Ein Aussätziger konnte nicht in die Synagoge gehen, um Texte aus der Schrift zu hören.
Ein Aussätziger durfte sich  nicht dem Tempel nahen, konnte auch keine Opfer darbringen, um sich von seinen Sünden zu befreien.

Damit ist Aussatz sehr viel mehr als „nur“ eine Krankheit: Wenn wir die ersten beiden Verse aufmerksam lesen, stellen wir fest, dass an keiner Stelle von einer „Krankheit“ oder von „Heilung“ die Rede ist.
Vielmehr bittet der Aussätzige Jesus darum, ihn zu „reinigen“. Jesus spricht: „Sei rein!“ und fordert ihn auf, die vorgeschriebenen Opfer zu seiner „Reinigung“ (wie sie in 3. Mose 14 beschrieben werden) darzubringen.

Aussatz bedeutet Unreinheit. Und das ist das eigentliche Problem – ein geistliches Problem.
Unreinheit – das bedeutet in der Bibel zunächst die Unfähigkeit, kultische Handlungen zu vollziehen (also konkret Opfer darzubringen). Unreinheit bedeutet aber auch die Befleckung mit Sünde – also die Unfähigkeit zur Beziehung mit Gott.
Reinheit dagegen ist ein Aspekt von Heiligkeit: Gott als ein heiliger Gott forderte sein Volk dazu auf, heilig zu sein und alle Unreinheit aus seiner Mitte zu verbannen.

Als „unrein“ galt nicht nur ein aussätziger Mensch (wobei dies die ernsteste Form der Unreinheit war) – auch die weibliche Periode, der männliche Samenerguss außerhalb der Scheide oder Eiter machten einen Menschen unrein, sowie die Geburt eines Kindes, der Verzehr unreinen Fleisches und das Berühren eines toten Tieres oder Menschen. Man kann sich als Mensch der Unreinheit eigentlich gar nicht entziehen.

Und schließlich: das Berühren eines unreinen Menschen macht unrein.
Unreinheit ist ansteckend, ist übertragbar. Deshalb musste der Aussätzige sich von den „Reinen“ fernhalten, um sie nicht mit seiner Unreinheit zu infizieren.

Ein Aussätziger ist ein Unberührbarer.
Wie furchtbar!

Wir lesen, dass der Betroffene in unserer Geschichte „voller Aussatz“ war – das bedeutet wahrscheinlich, dass er schon seit langer Zeit an Aussatz litt. Wir wissen nicht, wie viele Jahre er schon so leben musste: Außerhalb des Ortes, ausgeschlossen vom gesellschaftlichen Leben, allein, arm, leidend, unberührt.
Verschiedene (unmenschliche!) Experimente mit Säuglingen, die in der Menschheitsgeschichte durchgeführt wurden, haben gezeigt, dass Kinder, die ohne Zuwendung, ohne Zusprache und ohne liebevolle Berührung aufwachsen, sterben. Wir Menschen brauchen das zum Leben, so wie wir Nahrung und Sauerstoff brauchen.

Der Mensch, dem Jesus hier begegnet, war – wenn wir es ganz drastisch formulieren – schon so gut wie tot. Vollkommen abgeschnitten vom Nötigsten: von menschlichem Kontakt, von Zuwendung, Liebe und Berührung.
UND: völlig abgeschnitten von Gott. Die einzige Möglichkeit, die einem Menschen zu seiner Zeit blieb, um sich Gott zu nahen und um Vergebung zu erlangen, war ihm verwehrt. Und das seit vielen Jahren.

Doch dann hörte er: Jesus ist in der Stadt!
Da durfte er ja eigentlich nicht hin.

Er muss sehr verzweifelt gewesen sein. Aber er sah seine Chance auf ein neues Leben, und ergriff sie. Er warf sich Jesus vor die Füße und bat ihn voller Glauben darum, ihn rein zu machen. Ihn zu erlösen, ihn neu zu machen.


2. Die Berührung


Perspektivwechsel: Jesus.
Wir wissen nicht, was er gerade tat, als der Aussätzige sich ihm näherte. Ob er allein war oder von Leuten umringt. Wir sehen hier nur ihn und einen schrecklich entstellten Menschen, mit zerrissenen Kleidern, losem Bart, wirren Haaren, der sich ihm vor die Füße wirft. Ein schlimmer Anblick.
Lukas beschreibt nicht, was Jesus in dem Moment fühlt, er konzentriert sich auf das äußerlich Sichtbare. Bei Markus lesen wir von dieser Begebenheit bereits im 1. Kapitel. Er schreibt: „Und es jammerte ihn“.

Jesus wendet sich nicht ab, er schüttelt sich nicht vor Ekel, er scheucht den Mann auch nicht weg, von wegen: „Weißt du denn nicht, was im Gesetz steht – dass du eigentlich nicht hier sein darfst? Hast du überhaupt ‚unrein, unrein‘ gerufen? Widerlich, sowas!“

Jesus hat Mitgefühl.
Der Unberührbare berührt ihn tief in seinem Innersten.

Und das berührt mich.
Noch bevor Jesus etwas Sichtbares tut, passiert etwas. Er bringt dem Aussätzigen etwas entgegen, was dieser schon lange nicht mehr erlebt hat: Hier findet bereits Beziehung statt, Kontakt, Nähe, Zuwendung.

Jesus heilt den Mann nicht, weil er seine Ruhe haben will, weil er sich der Situation schnell entziehen will. Vielmehr: Jesus lässt sich berühren. Jesus leidet mit. Jesus lässt die Nähe zu und überwindet die erste Barriere. Aussatz und Berührung schließen sich eigentlich vollkommen aus.
Nicht bei Jesus.

Jesus lässt sich berühren – und berührt nun den Unberührbaren: Er streckt allen Ernstes die Hand aus und fasst den Mann an! Mit Aussatz und Dreck und allem. Ohne Ekel, ohne Widerwillen, ohne Gewalt. Voller Liebe.

Jesus hätte den Aussätzigen nicht berühren müssen. Sein Wort, ein Gedanke hätte genügt. In den Evangelien lesen wir auch von „Fernheilung“ – da hat Jesus einen Kranken geheilt, der nicht einmal vor ihm stand. Jesus berührt nicht jeden Kranken, den er heilt, aber er tut es häufig. Und auch hier wird die Berührung explizit erwähnt.

Warum?
Ich glaube, dass es hier tatsächlich die Berührung Jesu ist, die den Mann heilt.
Die Berührung wirkt zweifach: Zum einen vertreibt die Berührung den Aussatz. Wir lesen: „Sogleich wich der Aussatz von ihm“. Fast, als wäre von einer Person oder von einem Dämon die Rede. Der Aussatz, die Unreinheit, wird personifiziert, und Jesus treibt sie aus. Mit einer sanften Berührung. So mächtig ist er!
Zum anderen überwindet Jesus mit seiner Berührung die Barriere, die der aussätzige Mensch selbst niemals hätte überwinden können. Jesus berührt nicht nur den Körper, der so lange keine liebevolle Berührung mehr gefühlt hat; seine Hand reicht bis hin zur Seele, bis zum Herz dieses totgleichen Menschen und macht ihn wieder lebendig.

Und: Jesus durfte diesen Menschen eigentlich nicht berühren – das war verboten!
Unreinheit ist ansteckend, haben wir gehört – darum mieden die Frommen auch alles, was sie hätte verunreinigen und vom Gottesdienst ausschließen können. Hat Jesus keine Angst davor, sich unrein zu machen?

Im Gegenteil. Bei Jesus funktioniert es genau umgekehrt: Nicht er wird unrein, sondern der Unberührbare, der Unreine wird rein! Das kann nur Jesus.

Nur Er konnte diese Barriere überwinden.
In den drei Jahren seines Wirkens überschritt er immer wieder real existierende Grenzen: zwischen Mann und Frau, zwischen Jude und Heide, zwischen Erwachsenem und Kind, zwischen Reinem und Unreinem –
und schließlich auch die Grenze zwischen Gott und Mensch, schon durch seine Geburt.

Und als er dann, als seine Zeit gekommen war, am Kreuz für uns starb, vollendete er alles, nahm endgültig alles Trennende weg.

Er identifizierte sich so sehr mit den Ausgestoßenen, den Unberührbaren, dass Er selbst ein Ausgestoßener, ein Unberührbarer wurde: Ein Verfluchter, ein von Gott Getrennter, der, der alle Schuld der Welt auf sich trägt. Er wird ein Unreiner, weil er uns so unendlich liebt.
An Karfreitag wird Realität, was im Buch Jesaja angekündigt wurde: „Durch seine Wunden sind wir geheilt“.







3. (Un)berührt?

Jesus berührt einen Unberührbaren – was bedeutet das für uns? Wo bin ich in dieser Geschichte? Mit wem identifiziere ich mich? Stellen wir uns das ruhig einmal vor.

Möglicherweise sehe ich mich selbst als der Aussätzige: Nicht wortwörtlich, nicht medizinisch gesehen, vielmehr im übertragenen Sinn: ausgeschlossen, isoliert, unfähig zur Beziehung mit Gott oder meinen Mitmenschen?
Weil da etwas ist, das mich trennt – weil ich etwas an mir habe, das ich nicht loswerde?
Schuld, Scham, alte Verletzungen? Trage ich etwas schon so lange mit mir herum, dass ich mich innerlich ganz taub und fast wie tot fühle? Ist mir schon lange niemand mehr nah gekommen, hat mich schon lange niemand mehr wirklich berührt? Habe ich mich vielleicht schon selbst daran gewöhnt und denke: Da kann man sowieso nichts mehr machen, ich kann mich nicht ändern...?

Dann kann ich mich genauso wie der aussätzige Mann vor Jesu Füße werfen und ihn bitten, mich rein zu machen, mich zu berühren und mir neues Leben zu schenken.

Jesus hat ja ALLES dafür getan, dass der Weg zu Gott für mich frei ist. Für ihn gibt es keinen hoffnungslosen Fall. Keine Schuld ist zu groß, keine Verletzung zu tief oder zu alt, kein Mensch zu eklig oder unwürdig, als dass seine Liebe nichts ausrichten könnte.
Jetzt, in der Passionszeit, können wir diese Wahrheit wieder neu entdecken und für uns persönlich in Anspruch nehmen.

Ja, wer bin ich in dieser Geschichte?
Wenn ich mich nicht mit dem Aussätzigen identifiziere – vielleicht bin ich jemand, der dabei steht und das Geschehen beobachtet?
Jemand, der sich erschreckt und ekelt und sich abwenden will. Jemand, der sich im Grunde wünscht, auch so handeln zu können, so voller Zuwendung und Liebe?

Wenn ich hier sehe, wie Jesus agiert, wie er diesem entstellten Menschen begegnet, dann werde ich mir meiner eigenen Hartherzigkeit bewusst, meiner Unfähigkeit zur Liebe.
Wir haben es wohl selten mit solchen „harten“ Fällen zu tun wie Jesus hier. Aber wie schwer fällt es mir, der einsamen aber nervigen Nachbarin nicht auszuweichen und ihr wirklich zuzuhören! Wie gehe ich mit dem Obdachlosen um, der mich in der S-Bahn anbettelt? Schaue ich ihm ins Gesicht, suche ich das Gespräch, lade ich ihn zum Essen ein? Und zu welchen Menschen suche ich den Kontakt – die, von denen ich insgeheim etwas erwarte, die Interessanten, Angesagten – oder mit den Schwierigen, den Langweiligen, den „Problem-Bären“?

Ich bin – aus mir allein heraus – nicht fähig zu einer solchen Liebe, die sich wirklich berühren lässt und dann die Hand ausstreckt, um liebevoll zu berühren. So wird mir, die ich eigentlich nur als passive Beobachterin dieser Szene beiwohne, bewusst, dass auch ich Erlösung und Reinigung brauche, so wie dieser Aussätzige! Da gibt es auch in meinem Herzen so vieles, das mich trennt, von Gott und meinen Mitmenschen:
Vorurteile, Bitterkeit, Bequemlichkeit, Angst, Ignoranz, auch Ekel, Lieblosigkeit…

Dass es mich manchmal gar nicht mehr berührt, was mit anderen Menschen los ist, welche Not mich umgibt, das ist mein Aussatz, meine Krankheit, mein Bedürfnis nach Erlösung.

Die gute Nachricht ist: Auch dafür ist Jesus am Kreuz gestorben!
Auch mich kann – und will – er  reinigen, er kann mein Herz berühren und es wieder empfindsamer machen. Er kann – und will – mich erlösen von meiner Lieblosigkeit, von meinem harten Herz.

Aus eigener Kraft ist es unmöglich, es Jesus gleich zu tun.
Aus eigener Anstrengung heraus konnte der Aussätzige sich nicht reinigen, das war vollkommen unmöglich. Wie froh und aus tiefstem Herzen dankbar bin ich, dass ich nicht so bleiben  muss, wie ich bin! Dass ich mich Jesus vor die Füße werfen kann und Er mich berührt.

Wir sind herausgefordert, uns dem auszusetzen: unserem Aussatz, unserer Krankheit, wie auch immer sie aussehen mag, ob sie äußerlich sichtbar oder tief in unserem Herzen verborgen ist.
Das ist hart. Wir möchten uns selbst nicht so sehen und uns schon gar nicht so vor anderen zeigen. Wir möchten nicht bedürftig sein, auch nicht als hartherzig oder lieblos bezeichnet werden.

Es erfordert Mut, unseren eigenen Zustand zu erkennen und uns an Jesus zu wenden!
Hier kann uns der Aussätzige ein Vorbild sein. Er wusste, dass er nur diese eine Chance hatte, dass es nur diesen einen Weg für ihn gab, wieder rein zu werden. Er ging zu dem einzigen, der ihm helfen konnte. Dazu sind wir genauso eingeladen!


Das Lied There Are no outsiders von Rend Collective hat mich während der Predigtvorbereitung begleitet, weil es einfach so gut passt: Bei Jesus gibt es keine Ausgestoßenen, keine Außenseiter, keine Unberührbaren! Am Ende der Predigt ließ ich es vorspielen und lud dazu ein, das Lied zum eigenen Gebet werden zu lassen.

Amen.