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Montag, 12. März 2018

Preach it, baby!


Das vergangene Wochenende war ein sehr aufregendes für mich, denn: Ich hielt gestern die Predigt in meiner Gemeinde.
Schon seit ein paar Wochen läuft bei uns ein Homiletik-Seminar, in dem wir lernen, wie man eine Predigt vorbereitet und hält, und in diesem Rahmen wagte ich mich dann auch an die Praxis. Ja, das war wirklich spannend und hat mich einiges an Nerven gekostet, wie ihr euch vorstellen könnt.

Heute bin ich erleichtert und dankbar, dass ich diese Möglichkeit hatte; dankbar auch für den wunderbaren Predigttext, über den ich sprechen konnte - und vielleicht bin ich gerade auch ein bisschen übermütig, indem ich euch verrate, wo ihr die Predigt (aktuell noch!) hören könnt, nämlich hier, auf der Startseite unserer Gemeinde-Homepage.

Ich habe selbst kurz reingehört und fand es einigermaßen furchtbar, aber so ist das ja meistens, wenn man die eigene Stimme plötzlich zu einem sprechen hört...

Für die, die lieber lesen und etwas vor Augen haben, ist hier die Predigt, leicht verändert, in Schriftform:


Lukas 5,12-16 Die Heilung eines Aussätzigen/ Die Berührung eines Unberührbaren

12 Und es begab sich, als er in einer der Städte war, siehe, da war ein Mann voller Aussatz. Als er Jesus sah, fiel er nieder auf sein Angesicht und bat ihn und sprach: Herr, willst du, so kannst du mich reinigen.
13 Und er streckte die Hand aus, rührte ihn an und sprach: Ich will’s tun, sei rein! Und sogleich wich der Aussatz von ihm.
14 Und er gebot ihm, dass er’s niemandem sagen sollte. Geh aber hin und zeige dich dem Priester und opfere für deine Reinigung, wie Mose geboten hat, ihnen zum Zeugnis.
15 Aber die Kunde von ihm breitete sich immer weiter aus und es kam eine große Menge zusammen, zu hören und gesund zu werden von ihren Krankheiten.
16 Er aber entwich in die Einöde und betete.

1.  Der Unberührbare


Jesus ist in Judäa unterwegs und predigt dort in den Synagogen. Das ist seine Aufgabe, sein Auftrag, die gute Botschaft vom Reich Gottes überall zu verkünden. Er ist aber nicht nur bekannt für seine vollmächtigen Worte, sondern auch (vielleicht sogar vor allem) für seine Wundertaten, für seine Fähigkeit, jede Krankheit zu heilen. Davon hat auch der aussätzige Mann gehört, von dem wir im Text lesen. Seinen Namen kennen wir leider nicht.
Aber wir erfahren das bis dahin wesentliche Merkmal seiner Existenz, seiner Identität: Er war nämlich „voller Aussatz“.

Aussatz – im Griechischen steht hier das Wort „Lepras“, was aber nicht unbedingt bedeuten  muss, dass dieser Mann hier Lepra hatte. Es kann auch eine andere Hautkrankheit gewesen sein. Die Bibel ist kein medizinisches Fachbuch und es geht hier nicht um eine genaue Diagnose. Zu Zeiten Moses und auch zu Zeiten Jesu, waren nicht primär Ärzte für den Aussatz zuständig, sondern Priester. Gemäß 3. Mose 13 muss ein Mensch, der eine Auffälligkeit auf seiner Haut bemerkt, zum Priester gehen und sich vorzeigen. Der Priester entscheidet, ob es sich tatsächlich um Aussatz handelt. Wenn ja, ist dies eine niederschmetternde Diagnose!

In 3. Mose 13,43f steht: „Wer nun aussätzig ist, soll zerrissene Kleider tragen und das Haar lose und den Bart verhüllt und soll rufen: Unrein! Unrein! Und solange die Stelle an ihm ist, soll er unrein sein, allein wohnen und seine Wohnung soll außerhalb des Lagers sein.“

Ein aussätziger Mensch ist ein Ausgestoßener aus der Gesellschaft.
Diese Diagnose bedeutete das soziale Aus, Trennung von der Familie und dem sozialen Leben, Trennung von Beruf und Wohlstand.
Ganz abgesehen von dem körperlichen Leid, von den Schmerzen, dem Ekel, dem Gestank!
Und: Aussatz bedeutete Ausgeschlossenheit von religiösen Riten und Bräuchen.
Ein Aussätziger konnte nicht in die Synagoge gehen, um Texte aus der Schrift zu hören.
Ein Aussätziger durfte sich  nicht dem Tempel nahen, konnte auch keine Opfer darbringen, um sich von seinen Sünden zu befreien.

Damit ist Aussatz sehr viel mehr als „nur“ eine Krankheit: Wenn wir die ersten beiden Verse aufmerksam lesen, stellen wir fest, dass an keiner Stelle von einer „Krankheit“ oder von „Heilung“ die Rede ist.
Vielmehr bittet der Aussätzige Jesus darum, ihn zu „reinigen“. Jesus spricht: „Sei rein!“ und fordert ihn auf, die vorgeschriebenen Opfer zu seiner „Reinigung“ (wie sie in 3. Mose 14 beschrieben werden) darzubringen.

Aussatz bedeutet Unreinheit. Und das ist das eigentliche Problem – ein geistliches Problem.
Unreinheit – das bedeutet in der Bibel zunächst die Unfähigkeit, kultische Handlungen zu vollziehen (also konkret Opfer darzubringen). Unreinheit bedeutet aber auch die Befleckung mit Sünde – also die Unfähigkeit zur Beziehung mit Gott.
Reinheit dagegen ist ein Aspekt von Heiligkeit: Gott als ein heiliger Gott forderte sein Volk dazu auf, heilig zu sein und alle Unreinheit aus seiner Mitte zu verbannen.

Als „unrein“ galt nicht nur ein aussätziger Mensch (wobei dies die ernsteste Form der Unreinheit war) – auch die weibliche Periode, der männliche Samenerguss außerhalb der Scheide oder Eiter machten einen Menschen unrein, sowie die Geburt eines Kindes, der Verzehr unreinen Fleisches und das Berühren eines toten Tieres oder Menschen. Man kann sich als Mensch der Unreinheit eigentlich gar nicht entziehen.

Und schließlich: das Berühren eines unreinen Menschen macht unrein.
Unreinheit ist ansteckend, ist übertragbar. Deshalb musste der Aussätzige sich von den „Reinen“ fernhalten, um sie nicht mit seiner Unreinheit zu infizieren.

Ein Aussätziger ist ein Unberührbarer.
Wie furchtbar!

Wir lesen, dass der Betroffene in unserer Geschichte „voller Aussatz“ war – das bedeutet wahrscheinlich, dass er schon seit langer Zeit an Aussatz litt. Wir wissen nicht, wie viele Jahre er schon so leben musste: Außerhalb des Ortes, ausgeschlossen vom gesellschaftlichen Leben, allein, arm, leidend, unberührt.
Verschiedene (unmenschliche!) Experimente mit Säuglingen, die in der Menschheitsgeschichte durchgeführt wurden, haben gezeigt, dass Kinder, die ohne Zuwendung, ohne Zusprache und ohne liebevolle Berührung aufwachsen, sterben. Wir Menschen brauchen das zum Leben, so wie wir Nahrung und Sauerstoff brauchen.

Der Mensch, dem Jesus hier begegnet, war – wenn wir es ganz drastisch formulieren – schon so gut wie tot. Vollkommen abgeschnitten vom Nötigsten: von menschlichem Kontakt, von Zuwendung, Liebe und Berührung.
UND: völlig abgeschnitten von Gott. Die einzige Möglichkeit, die einem Menschen zu seiner Zeit blieb, um sich Gott zu nahen und um Vergebung zu erlangen, war ihm verwehrt. Und das seit vielen Jahren.

Doch dann hörte er: Jesus ist in der Stadt!
Da durfte er ja eigentlich nicht hin.

Er muss sehr verzweifelt gewesen sein. Aber er sah seine Chance auf ein neues Leben, und ergriff sie. Er warf sich Jesus vor die Füße und bat ihn voller Glauben darum, ihn rein zu machen. Ihn zu erlösen, ihn neu zu machen.


2. Die Berührung


Perspektivwechsel: Jesus.
Wir wissen nicht, was er gerade tat, als der Aussätzige sich ihm näherte. Ob er allein war oder von Leuten umringt. Wir sehen hier nur ihn und einen schrecklich entstellten Menschen, mit zerrissenen Kleidern, losem Bart, wirren Haaren, der sich ihm vor die Füße wirft. Ein schlimmer Anblick.
Lukas beschreibt nicht, was Jesus in dem Moment fühlt, er konzentriert sich auf das äußerlich Sichtbare. Bei Markus lesen wir von dieser Begebenheit bereits im 1. Kapitel. Er schreibt: „Und es jammerte ihn“.

Jesus wendet sich nicht ab, er schüttelt sich nicht vor Ekel, er scheucht den Mann auch nicht weg, von wegen: „Weißt du denn nicht, was im Gesetz steht – dass du eigentlich nicht hier sein darfst? Hast du überhaupt ‚unrein, unrein‘ gerufen? Widerlich, sowas!“

Jesus hat Mitgefühl.
Der Unberührbare berührt ihn tief in seinem Innersten.

Und das berührt mich.
Noch bevor Jesus etwas Sichtbares tut, passiert etwas. Er bringt dem Aussätzigen etwas entgegen, was dieser schon lange nicht mehr erlebt hat: Hier findet bereits Beziehung statt, Kontakt, Nähe, Zuwendung.

Jesus heilt den Mann nicht, weil er seine Ruhe haben will, weil er sich der Situation schnell entziehen will. Vielmehr: Jesus lässt sich berühren. Jesus leidet mit. Jesus lässt die Nähe zu und überwindet die erste Barriere. Aussatz und Berührung schließen sich eigentlich vollkommen aus.
Nicht bei Jesus.

Jesus lässt sich berühren – und berührt nun den Unberührbaren: Er streckt allen Ernstes die Hand aus und fasst den Mann an! Mit Aussatz und Dreck und allem. Ohne Ekel, ohne Widerwillen, ohne Gewalt. Voller Liebe.

Jesus hätte den Aussätzigen nicht berühren müssen. Sein Wort, ein Gedanke hätte genügt. In den Evangelien lesen wir auch von „Fernheilung“ – da hat Jesus einen Kranken geheilt, der nicht einmal vor ihm stand. Jesus berührt nicht jeden Kranken, den er heilt, aber er tut es häufig. Und auch hier wird die Berührung explizit erwähnt.

Warum?
Ich glaube, dass es hier tatsächlich die Berührung Jesu ist, die den Mann heilt.
Die Berührung wirkt zweifach: Zum einen vertreibt die Berührung den Aussatz. Wir lesen: „Sogleich wich der Aussatz von ihm“. Fast, als wäre von einer Person oder von einem Dämon die Rede. Der Aussatz, die Unreinheit, wird personifiziert, und Jesus treibt sie aus. Mit einer sanften Berührung. So mächtig ist er!
Zum anderen überwindet Jesus mit seiner Berührung die Barriere, die der aussätzige Mensch selbst niemals hätte überwinden können. Jesus berührt nicht nur den Körper, der so lange keine liebevolle Berührung mehr gefühlt hat; seine Hand reicht bis hin zur Seele, bis zum Herz dieses totgleichen Menschen und macht ihn wieder lebendig.

Und: Jesus durfte diesen Menschen eigentlich nicht berühren – das war verboten!
Unreinheit ist ansteckend, haben wir gehört – darum mieden die Frommen auch alles, was sie hätte verunreinigen und vom Gottesdienst ausschließen können. Hat Jesus keine Angst davor, sich unrein zu machen?

Im Gegenteil. Bei Jesus funktioniert es genau umgekehrt: Nicht er wird unrein, sondern der Unberührbare, der Unreine wird rein! Das kann nur Jesus.

Nur Er konnte diese Barriere überwinden.
In den drei Jahren seines Wirkens überschritt er immer wieder real existierende Grenzen: zwischen Mann und Frau, zwischen Jude und Heide, zwischen Erwachsenem und Kind, zwischen Reinem und Unreinem –
und schließlich auch die Grenze zwischen Gott und Mensch, schon durch seine Geburt.

Und als er dann, als seine Zeit gekommen war, am Kreuz für uns starb, vollendete er alles, nahm endgültig alles Trennende weg.

Er identifizierte sich so sehr mit den Ausgestoßenen, den Unberührbaren, dass Er selbst ein Ausgestoßener, ein Unberührbarer wurde: Ein Verfluchter, ein von Gott Getrennter, der, der alle Schuld der Welt auf sich trägt. Er wird ein Unreiner, weil er uns so unendlich liebt.
An Karfreitag wird Realität, was im Buch Jesaja angekündigt wurde: „Durch seine Wunden sind wir geheilt“.







3. (Un)berührt?

Jesus berührt einen Unberührbaren – was bedeutet das für uns? Wo bin ich in dieser Geschichte? Mit wem identifiziere ich mich? Stellen wir uns das ruhig einmal vor.

Möglicherweise sehe ich mich selbst als der Aussätzige: Nicht wortwörtlich, nicht medizinisch gesehen, vielmehr im übertragenen Sinn: ausgeschlossen, isoliert, unfähig zur Beziehung mit Gott oder meinen Mitmenschen?
Weil da etwas ist, das mich trennt – weil ich etwas an mir habe, das ich nicht loswerde?
Schuld, Scham, alte Verletzungen? Trage ich etwas schon so lange mit mir herum, dass ich mich innerlich ganz taub und fast wie tot fühle? Ist mir schon lange niemand mehr nah gekommen, hat mich schon lange niemand mehr wirklich berührt? Habe ich mich vielleicht schon selbst daran gewöhnt und denke: Da kann man sowieso nichts mehr machen, ich kann mich nicht ändern...?

Dann kann ich mich genauso wie der aussätzige Mann vor Jesu Füße werfen und ihn bitten, mich rein zu machen, mich zu berühren und mir neues Leben zu schenken.

Jesus hat ja ALLES dafür getan, dass der Weg zu Gott für mich frei ist. Für ihn gibt es keinen hoffnungslosen Fall. Keine Schuld ist zu groß, keine Verletzung zu tief oder zu alt, kein Mensch zu eklig oder unwürdig, als dass seine Liebe nichts ausrichten könnte.
Jetzt, in der Passionszeit, können wir diese Wahrheit wieder neu entdecken und für uns persönlich in Anspruch nehmen.

Ja, wer bin ich in dieser Geschichte?
Wenn ich mich nicht mit dem Aussätzigen identifiziere – vielleicht bin ich jemand, der dabei steht und das Geschehen beobachtet?
Jemand, der sich erschreckt und ekelt und sich abwenden will. Jemand, der sich im Grunde wünscht, auch so handeln zu können, so voller Zuwendung und Liebe?

Wenn ich hier sehe, wie Jesus agiert, wie er diesem entstellten Menschen begegnet, dann werde ich mir meiner eigenen Hartherzigkeit bewusst, meiner Unfähigkeit zur Liebe.
Wir haben es wohl selten mit solchen „harten“ Fällen zu tun wie Jesus hier. Aber wie schwer fällt es mir, der einsamen aber nervigen Nachbarin nicht auszuweichen und ihr wirklich zuzuhören! Wie gehe ich mit dem Obdachlosen um, der mich in der S-Bahn anbettelt? Schaue ich ihm ins Gesicht, suche ich das Gespräch, lade ich ihn zum Essen ein? Und zu welchen Menschen suche ich den Kontakt – die, von denen ich insgeheim etwas erwarte, die Interessanten, Angesagten – oder mit den Schwierigen, den Langweiligen, den „Problem-Bären“?

Ich bin – aus mir allein heraus – nicht fähig zu einer solchen Liebe, die sich wirklich berühren lässt und dann die Hand ausstreckt, um liebevoll zu berühren. So wird mir, die ich eigentlich nur als passive Beobachterin dieser Szene beiwohne, bewusst, dass auch ich Erlösung und Reinigung brauche, so wie dieser Aussätzige! Da gibt es auch in meinem Herzen so vieles, das mich trennt, von Gott und meinen Mitmenschen:
Vorurteile, Bitterkeit, Bequemlichkeit, Angst, Ignoranz, auch Ekel, Lieblosigkeit…

Dass es mich manchmal gar nicht mehr berührt, was mit anderen Menschen los ist, welche Not mich umgibt, das ist mein Aussatz, meine Krankheit, mein Bedürfnis nach Erlösung.

Die gute Nachricht ist: Auch dafür ist Jesus am Kreuz gestorben!
Auch mich kann – und will – er  reinigen, er kann mein Herz berühren und es wieder empfindsamer machen. Er kann – und will – mich erlösen von meiner Lieblosigkeit, von meinem harten Herz.

Aus eigener Kraft ist es unmöglich, es Jesus gleich zu tun.
Aus eigener Anstrengung heraus konnte der Aussätzige sich nicht reinigen, das war vollkommen unmöglich. Wie froh und aus tiefstem Herzen dankbar bin ich, dass ich nicht so bleiben  muss, wie ich bin! Dass ich mich Jesus vor die Füße werfen kann und Er mich berührt.

Wir sind herausgefordert, uns dem auszusetzen: unserem Aussatz, unserer Krankheit, wie auch immer sie aussehen mag, ob sie äußerlich sichtbar oder tief in unserem Herzen verborgen ist.
Das ist hart. Wir möchten uns selbst nicht so sehen und uns schon gar nicht so vor anderen zeigen. Wir möchten nicht bedürftig sein, auch nicht als hartherzig oder lieblos bezeichnet werden.

Es erfordert Mut, unseren eigenen Zustand zu erkennen und uns an Jesus zu wenden!
Hier kann uns der Aussätzige ein Vorbild sein. Er wusste, dass er nur diese eine Chance hatte, dass es nur diesen einen Weg für ihn gab, wieder rein zu werden. Er ging zu dem einzigen, der ihm helfen konnte. Dazu sind wir genauso eingeladen!


Das Lied There Are no outsiders von Rend Collective hat mich während der Predigtvorbereitung begleitet, weil es einfach so gut passt: Bei Jesus gibt es keine Ausgestoßenen, keine Außenseiter, keine Unberührbaren! Am Ende der Predigt ließ ich es vorspielen und lud dazu ein, das Lied zum eigenen Gebet werden zu lassen.

Amen.


Montag, 6. Februar 2017

Mut am Montag





Es war kein guter Start in den Tag: Leichte Bauchschmerzen kündigten mir die nächste Periode an. Also doch kein Oktoberbaby.
PMS und Enttäuschung gingen eine unheilvolle Verbindung ein – die Leidtragenden waren mal wieder meine Kinder, deren Mama schon kurz nach dem Aufstehen ungeduldig und leicht reizbar war, die den Kleinen in seinen Schneeanzug zerrte und auf dem Weg zur Kita in Tränen ausbrach.
Schmerzhafte Gedanken schießen durch meinen Kopf: „Es ist schon ganz richtig, dass du kein drittes Kind bekommst! Das ist die Strafe dafür, dass du eine so schlechte Mutter bist…“

Auf dem Heimweg fühlte ich mich plötzlich besser. Trotz und ungewohnte Energie stiegen in mir auf. Dann eben nicht, ich kann auch ohne ein drittes Kind glücklich werden! Ich blieb sogar meinem Vorsatz treu, einmal am Tag den Aufzug rechts liegen zu lassen und die sieben Stockwerke per Fuß zu erklimmen. Ich wollte mich nicht noch schlechter fühlen, weil ich gekniffen habe…
Beim Frühstück schlug ich die Losungen auf:

„Was hast du, das du nicht empfangen hast?
Wenn du es aber empfangen hast,
was rühmst du dich dann,
als hättest du es nicht empfangen?“
(1.Korinther 4,7)


Wie überaus passend an diesem Tag!
Mich erinnert der Vers daran, dass es beim Kinderkriegen nicht um Leistung geht – ich muss nicht „funktionieren“, muss  nicht „liefern“! Vielmehr habe ich meine beiden Kinder aus Gottes Hand empfangen, einfach so, weil er es wollte. Er hat sie mir anvertraut, ohne mein eigenes Zutun.
Wenn ich jetzt nicht empfange, ist das nicht meine „Schuld“, sondern es gilt im Umkehrschluss, dass Gott mir diese Gabe zum jetzigen Zeitpunkt nicht zuteilwerden lassen möchte. Aus welchen Gründen auch immer.

Und während ich weiter darüber nachdenke, wird mir bewusst, dass ich ja jeden Tag so viel empfange, weit über die „Empfängnis“ hinaus! Ja, ich habe zwei Kinder, aber selbst ohne sie habe ich in meinem Leben bereits unendlich viel empfangen, und empfange täglich so viel.

Ich muss also nicht so tun, als hätte ich nicht empfangen. Das entspricht nicht der Wahrheit.

Heute habe ich schon all das bekommen:

erholsamer Schlaf ohne Unterbrechungen
(alle Mamis wissen, was das allein für ein Geschenk ist!)
einen Mann, der extra früh aufsteht, damit er abends früher zu Hause ist
einfaches Aufstehen
eine warme, schöne Wohnung
Wasser aus dem Wasserhahn
Gesundheit
Auswahl an Kleidung und Schmuck
gesunde, fröhliche Kinder
warme Kleidung für die Kinder
einen sicheren, guten Ort für meine Kinder mit engagierten, liebevollen Erzieherinnen
Sicherheit und Bewahrung unterwegs
Frühstück
Ruhe
Zeit für mich
eine Waschmaschine
eine Spülmaschine
meine Bibel
die Fähigkeiten, zu lesen und zu schreiben,
und mir Gedanken über mein Leben zu machen
die Beziehung zu Jesus
Freundinnen, denen ich depressive Kurznachrichten schicken darf
Frieden in diesem Land
Vergebung für meine Schuld
Trotz und Elan


Ich will nicht länger die Lügen glauben, die in meinen Gedanken aufploppen und mich zerstören wollen.

Es ist eine Lüge, dass ich nicht „empfangen“ kann.
Die Wahrheit ist, dass ich Tag für Tag unendlich viel Gutes von Gott empfange.
Das ist genug.
Es ist eine Lüge, dass ich eine „schlechte“ Mutter bin.
Die Wahrheit ist, dass ich an meinen Kindern schuldig werde, immer wieder.
Die Wahrheit ist auch, dass Vergebung und Veränderung möglich sind, bei Jesus.
Jeden Tag neu, und wenn nötig, noch viel öfter.


Ich wünsche euch eine gesegnete Woche!



Montag, 30. Januar 2017

Mut am Montag

(ich habe heute leider kein Foto für euch...)


Die Waffenrüstung Gottes für Mütter


nach Epheser 6,10-17



Seid stark in dem Herrn
und in der Macht seiner Stärke!
Ergreift die Waffenrüstung Gottes,
damit ihr an den
anstrengenden,
kranken,
nervenaufreibenden,
vollen
Tagen 
Widerstand leisten,
alle Wäscheberge überwinden
und das Feld eures klaren Verstandes behalten könnt.

So steht nun fest,
mit beiden Beinen auf dem Boden,
an den Hüften gegürtet mit Wahrheit:

„Ich bin unendlich geliebt.“
„Was ich tue, zählt!“
„Jesus ist für mich.“
„Gott sieht mich.“
„Meine Kinder sind wertvoll und ich liebe sie (trotzdem).“

Schützt euer Innerstes,
euer Mutterherz,
eure Nieren,
eure Leber (mit der sprichwörtlichen Laus),
mit dem Panzer der Gerechtigkeit,
denn ihr seid Heilige,
gerechtfertigt aus Glauben
durch unverdiente Gnade.

Tragt an euren Füßen feste Stiefel,
(dann tut es auch nicht so weh, wenn ihr auf überall herumliegende Legosteine tretet)
und seid bereit,
für das Evangelium des Friedens einzutreten:
Wenn um euch das Chaos tobt,
wenn Streit und Missgunst herrschen,
wenn Kleinigkeiten Katastrophen auslösen,

dann
ist Christus unser Friede.

Ergreift den Schild des Glaubens
und lasst ihn euch von niemandem rauben,
denn damit könnt ihr alle feurigen Pfeile des Bösen
auslöschen:
Selbstzweifel
Mutlosigkeit
Sorgen
Angst
Erwartungsdruck.

Und nehmt den Helm des Heils,
setzt ihn auf,
(keine Sorge, er wird dir gut stehen!)
und lasst ihn eure Gedanken in dem bewahren,
der gute Gedanken über euch hat.
Gedanken des Friedens,
und nicht des Leides,
dass ich euch gebe
Zukunft und Hoffnung…

Zuletzt:
Ergreift das Schwert des Geistes,
welches ist das Wort Gottes.
Nicht als Waffe,
um anderen zu schaden,
nicht als Totschlagargument –
vielmehr
ein bisschen wie ein gutes Küchenmesser,
als Werkzeug,
für den täglichen, ganz natürlichen Gebrauch,
und für den Dienst an eurer Familie.

Lasst das Wort Gottes
reichlich
unter euch wohnen.





Montag, 5. Dezember 2016

Mut am Montag



Wie meine Kinder mein Leben reicher machen




Seit ich Kinder habe, hat mein Leben sich sehr verändert.
Mir ist aufgefallen, dass ich beim Vergleich mit meinem „alten“ Leben sehr oft einen aktuellen Mangel oder Missstand feststelle: Früher konnte ich noch ausschlafen. Als wir noch keine Kinder hatten, konnten wir viel häufiger ausgehen und das machen, worauf wir Lust hatten. Seit ich Kinder habe, höre ich irgendwie schlechter… und so weiter.
Dabei ist das Leben mit Kindern doch eigentlich viel reicher, bunter und lebendiger als unser vorheriger Zwei-Personen-Haushalt! Die Kinder bescheren mir keinen Mangel – im Gegenteil: Sie bereichern mein Leben auf vielfältige Art und Weise und schaffen manchen Mangel ab.




Unsere Kinder bringen uns so viel Lachen!
Ich würde jetzt nicht behaupten, dass wir, als wir noch „nur“ zu zweit waren, nicht auch fröhlich durchs Leben gegangen wären. Aber seit wir Kinder haben, lachen wir viel mehr. Wir lachen lauter, wir lachen herzlicher und oft genug, bis uns die Tränen kommen.
Sie sind aber auch zu niedlich, zu klug, zu witzig! Und mit ihrem Lachen, mit ihrer Fröhlichkeit stecken sie uns immer wieder an.


Meine Kinder geben mir täglich das Gefühl, eine Heldin zu sein.
Für meine Kinder bin ich unglaublich groß und stark und beinahe allwissend (ok, das wird sich mit fortschreitendem Alter ändern, aber gerade ist es noch so!). Ich kann alles, kriege alles hin, bin einfach für sie da. Und auch wenn das für mich oft Kleinigkeiten sind, fühlt es sich doch sehr, sehr gut an, in den Augen meiner Kinder eine Heldin zu sein :)


Kinder lassen in vielen Dingen die Kindheit wieder aufleben.
Viele spaßige Dinge „dürfen“ beziehungsweise tun wir erst dann wieder, wenn wir selbst Kinder haben. Duplo-Bauen zum Beispiel. Das mache ich wirklich gern. Ich finde es auch toll, mit meinen beiden zu malen, Sticker aufzukleben oder zu basteln. Und wir singen viel, schauen Bilderbücher an, kneten, stehen am Fenster und schauen neugierig nach draußen, wir kugeln uns über den Fußboden, verstecken uns unter der Decke, schneiden Grimassen, schaukeln bis in den Himmel, tanzen durchs Wohnzimmer, bauen eine Sandburg…  All die schönen Dinge aus meiner eigenen Kindheit kann ich nun mit meinen Kindern noch einmal erleben – und das macht SO VIEL Spaß!


Sie geben mir die Möglichkeit, kreativ zu sein!
Als ich selbst noch ein Kind war, habe ich am allerliebsten gemalt (wenn ich nicht gerade gelesen oder mir Geschichten ausgedacht habe). In der Schulzeit ging ich diesem Hobby bis zum Schluss ziemlich intensiv nach, doch im Studium und als ich unterrichtete, nahm ich mir kaum noch Zeit dafür. Erst seit ich Mama bin, lebe ich meine kreative Seite wieder aus und genieße es total. Ich kann Dinge für die Kinder gestalten, wie z.B. ein eigenes Kinderbuch, einen Schal oder einen Adventskalender und ich kann mit meinen Kindern kreativ sein. Beides bereichert mein Leben sehr und ich weiß gar nicht mehr, wie ich so lange ohne Malen, Zeichnen und Gestalten leben konnte.


Meine Kinder schenken mir viele Kuscheleinheiten.
Samuel hat mich am Samstag geradezu mit seinen Küssen eingehüllt :) Er ist mein kleiner Schmuser, der sich oft an mein Bein kuschelt, der auf meinen Schoß möchte, der mich umarmt und seit neustem auch küsst. Noemi ist nicht ganz so kuschelig veranlagt, da freue ich mich dann umso mehr über eine Umarmung oder eine Kuscheleinheit.
Insgesamt genieße ich es sehr, diese beiden kleinen, weichen, knuffigen Wesen um mich zu haben! (Und ich habe schon ein bisschen Angst vor der Zeit, wenn sie ihre Knuffigkeit und Schmusebereitschaft einbüßen werden…)



Sie zeigen mir eine ganze neue Art von Liebe.
Die Liebe, die ich zu meinen Kindern empfinde, ist eine ganz eigene und unvergleichbare. Natürlich liebe ich meinen Mann und meine Geschwister, Freunde, Eltern und so weiter. Doch die Liebe zu meinen Kindern berührt noch einen anderen Punkt in mir, von dem ich bis zu Noemis Geburt nicht einmal etwas geahnt habe. Es ist eine Löwinnenliebe, die mich stark und mutig macht, ein unzerstörbares Band zwischen meinen Kindern und mir.
Und die Liebe, die Noemi und Samuel mir entgegen bringen, ist auch so anders…
Ich bin sehr dankbar, dass ich dieses Geheimnis erleben darf!


Sie machen mich zu einem „besseren Menschen“.
Kinder sind die vielleicht beste Übung für jeden Menschen, der seinem Egoismus den Kampf angesagt hat. Sobald man eigene Kinder hat, muss man deren Interessen über seine eigenen stellen, auf Schlaf und Freiheit (und manches andere) verzichten und in Kauf nehmen, dass der große Reichtum sich wohl nicht mehr einstellen wird…
Die ersten Monate mit unserer Tochter hielten mir einen Spiegel vor. Ich erkannte, wie egozentrisch ich in Wirklichkeit war. Doch die Liebe zu ihr und später auch zu unserem Sohn half mir, einen großen Schritt zu machen und in vielen Situationen das Ego-Viech niederzustrecken. Ich bin noch lange nicht am Ziel und hadere oft genug damit, nicht tun und lassen zu können, was ich möchte – aber dass ich überhaupt unterwegs bin, verdanke ich wohl unseren Kindern.


Die Kinder fordern mich heraus und lassen nicht zu, dass ich träge werde.
Wer Kinder hat, kann sich kaum gehen lassen. Auch wenn ich es mir am Nachmittag zu gern mit einem guten Buch auf der Couch gemütlich machen würde – meine beiden schaffen es, mich nach draußen an die frische Luft zu bringen. Auch wenn ich miese Laune habe und am liebsten im Bett bleiben möchte – für meine Kinder stehe ich dann doch auf. Auch wenn es mich nach Schokolade gelüstet – um für Noemi und Samuel ein gutes Vorbild zu sein, reiße ich mich zusammen (mal abgesehen davon, dass es sowieso unmöglich wäre, meinen Schokoladengenuss vor ihnen geheim zu halten…).


Meine Kinder helfen mir, das Wunder der kleinen Dinge zu sehen.
Ein Spaziergang mit unserem kleinen Sohn kann nervenaufreibend sein.
Oder ich nehme mir Zeit, die Welt mit seinen Augen zu sehen. Dann erkenne ich in jedem Blatt, das der Wind vom Baum gefegt hat, ein Kunstwerk. Dann wird uns jede Krähe zum Gottesbeweis. Dann bringt mich die bleiche Sichel des Mondes in unendlicher Ferne zum Staunen.
Achtsamkeit, im Hier und Jetzt, die Schönheit des Alltäglichen – das lehren mich meine Kinder.



Ist es nicht wunderbar, Kinder zu haben?
Oft genug ächze und stöhne ich darüber, wie a n s t r e n g e n d die beiden doch sind - aber eigentlich möchte ich mich immer mehr auf die schönen und wertvollen Seiten konzentrieren, von denen es mehr als genug gibt!

Fällt euch noch etwas ein, inwieweit eure Kinder euer Leben bereichern und verschönern?

Seid gesegnet in dieser 2. Adventswoche!