Dienstag, 14. April 2015

Bücherliebe #2 No country



Den Roman, den ich euch heute vorstellen möchte, und der zu einem meiner Lieblingsbücher geworden ist, habe ich vor ein paar Monaten hauptsächlich aus diesem Grund gekauft: Er ist dick. Über 500 Seiten stark, das ist für mich ein gutes Argument! Ich kaufe lieber dicke Bücher, denn da bekommt man mehr für sein Geld und hat länger was davon. Vorausgesetzt natürlich, der Roman ist gut (denn dicke und schlechte Bücher sind wiederum furchtbar!).
Für das Lesen habe ich einige Zeit gebraucht – habe einige Kapitel geradezu verschlungen, während ich an anderen ein bisschen länger kaute – aber in meinem kurzen Greifswald-„Urlaub“ letzte Woche habe ich No country zu Ende gelesen. Und war traurig, dass es „schon“ vorbei war. Das ist doch mal ein gutes Zeichen. Ich bin mir auch ziemlich sicher, dass ich diesen Roman noch einmal lesen werde, mindestens…


No country

Von Kalyan Ray, 2014
(soweit ich weiß, existiert noch keine deutsche Übersetzung)

Der erste Satz: They lay together as if they had just disengaged from a long embrace.

Lieblingssätze:  “Someday I will meet my papa, I know, in no country where time exists. Won’t that be something!” // “Will your not believing make it untrue?” // “a human being descended, who knows, from how many sources, the product of so many lineages which are unknown to us and will forever remain unknown. […] We are all related: Our mortality is our one common nation.”

Darum geht’s:
New York, 1989: Ein indisches Ehepaar wird in seinem Bett ermordet. Wer sind diese beiden Liebenden? Wer ist ihr Mörder, und warum hat er diese Tat begangen?
Die Antworten auf diese Fragen nehmen ihren Anfang auf einem anderen Kontinent, zu einer ganz anderen Zeit: Irland, 1843. Die beiden Freunde Brendan und Padraig werden auf schicksalshafte Weise getrennt: Padraig verschlägt es nach Indien, während Brendan von der verheerenden Hungersnot gezwungen wird, nach Kanada aufzubrechen. Werden die beiden sich jemals wiedersehen? Denn was Padraig nicht weiß: Er hat eine Tochter, Maeve, für die Brendan in der alten und neuen Heimat ein Ziehvater wird.
Die Handlung entfaltet sich nach und nach in Irland und Indien, in Kanada und den USA, auf dem Land und in der Stadt; für kurze Augenblicke verschlägt es uns nach Italien und nach Odessa, zwischendurch auf ein Schiff und sogar auf einen Eisberg… Als Leser begleiten wir unterschiedliche Personen auf ihrem Lebensweg und erleben auf diese Weise Weltgeschichte – die große Migration von Iren in die neue Welt, Indien in seinem Kampf um Unabhängigkeit – und kleinere und größere menschliche Konflikte: Mütter und Töchter, Väter und Söhne, Zwillingsbrüder; Freundschaften, Liebesgeschichten, Verluste.
Und schließlich geht es Kalyan Ray in seinem Roman um die ganz großen Fragen der Menschheit: Wer sind wir und wo kommen wir her? Was bedeutet es, eine Nation zu sein, zu einer Nation zu gehören? Was macht unsere Identität aus?

Was mir an dem Roman gefällt:

  • Der Protagonist des ersten Kapitels ist ein Ungar, und es wird ein ungarischer Satz zitiert (noch dazu richtig, soweit ich das beurteilen kann)! Für mich als Ungarnliebhaberin war das wie ein gutes Omen!
  • Das Buch beginnt mit dem Tod und endet mit der Ankündigung auf neues Leben. Auf dieselbe Weise umschließen der erste Satz und die letzten Worte des Romans: „all together“ die Handlung perfekt.
  • Ich liebe die vielen unterschiedlichen Settings – Kontinente, Epochen, Kulturen. Innerhalb weniger Sätze gelang es dem Autor, mich an diesem neuen Ort, in der neuen Handlung ankommen zu lassen. Vielleicht gefällt mir No country auch deshalb so gut, weil es mir das Reisen ermöglicht, welches meine Lebensumstände gerade nicht so zulassen…
  • Das Lesen dieses Romans ist ein bisschen wie puzzeln. In jedem Kapitel werden uns neue Teile gereicht – einige können wir sofort an die richtige Stelle setzen, andere müssen wir beiseitelegen, bevor sich uns ihre korrekte Position im Ganzen offenbart. Trotzdem fand ich mich in der Handlung immer gut zurecht.
  • No country passt zu den Herausforderungen, denen sich unser Land gerade stellen muss: Wie gehen wir mit den Flüchtlingen um, die zu uns kommen? Wer gehört zu uns; was bedeutet es, eine Nation zu sein? Ist es überhaupt möglich, von „uns“ und „den anderen“ zu sprechen – wenn wir in Wahrheit alle auf unterschiedlichste, oft unsichtbare Art und Weise verbunden sind? Wir sind alle Menschen, das antwortet der Roman auf unsere Fragen, mit Sehnsüchten, Ängsten, Verlusten, Lieben.


Fazit:
Lesen, auf jeden Fall!

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