Mittwoch, 15. April 2015

Engelsschwester

Heute war mal wieder einer dieser Tage… an denen weder Locken noch Drohen, weder Schreien noch Motivieren bewirken, dass meine große Tochter die Treppe allein und in einem angemessenen Tempo erklimmt…an denen beide Kinder grundsätzlich gleichzeitig schreien… an denen der Kleine ausgerechnet dann lebensbedrohlichen Hunger bekommt, wenn ich mir den ersten Bissen in den Mund schieben will… an denen mein Vorsatz, alles positiv und locker zu sehen, keine fünf Minuten Wirklichkeit überdauert… an denen ich nur über eines froh bin, nämlich dass in unserem Land strenge Waffengesetze gelten und ich keinen Revolver unterm Kopfkissen habe…
Heute war mal also wieder einer dieser Tage, an denen ich mich schämte für die Mutter, die ich bin – für meine Wut, für mein Schreien, für meine Grobheit.

Ich schämte mich so sehr, dass ich nicht einmal dich sehen wollte, die du doch so oft schon meine Rettung gewesen bist. Du bist, wie sogar mein Mann neulich feststellte, vielleicht der Mensch, der mich am allerbesten kennt: meine Schwester. Meine einzige. Heute wollte ich dich nicht sehen, weil mich niemand so sehen sollte, weil ich so unansehnlich war. Und gleichzeitig sehnte ich mich so sehr danach, dass mich jemand ansah…

Wir schrieben in paar Nachrichten hin und her (übrigens schreibe ich mit niemandem so viel auf WhatsApp wie dir…)und dann riefst du mich an. Zuerst wollte ich nicht ran gehen, weil ich genauso wenig reden wollte wie gesehen werden, aber dann tat ich es doch, weil ich mich so danach verzehrte, gehört zu werden… Und dann redeten wir und ich heulte und du verstandst und dann sprachen wir plötzlich über was ganz anderes und ich fühlte mich schon besser.
Währenddessen lag Sammy neben mir auf seiner Decke und strahlte mich an wie das süßeste Baby auf der ganzen Welt. Das wurde mir ganz plötzlich bewusst. Und ich bemerkte auch, dass er sich nach einem Spielzeug ausstreckte und gewisse Ambitionen hatte, sich zur Seite zu drehen! Ich schaute aus dem Fenster und da war die Sonne und strahlend blauer Himmel.

Es war auf einmal ein ganz anderer Tag geworden – nur durch deine Stimme, durch deine Ohren, durch deine Augen, die mich sahen. Und was deine Augen wahrnahmen, war etwas ganz anderes als das, was meine zu sehen in der Lage waren: Sie sahen eine Mama, die einfach übermüdet ist und die dafür Verständnis verdient. Sie sahen eine sensible Person mit (tatsächlich!) positiven Eigenschaften.
Dann kamst du vorbei und alles war wieder ganz einfach. Wir gingen raus in den Sonnenschein, schlürften Frappuccino und kauften Schuhe, und Seifenblasen für Noemi. Meine Tochter war wieder das schönste und lustigste Mädchen des Universums. Mein Sohn das friedlichste Baby, das man sich vorstellen kann. Und ich die entspannteste und stolzeste Mama aller Zeiten. Und das alles deinetwegen!

Auch jetzt, wo du schon längst gegangen bist und ich diesen Text schreibe mit Samuel auf dem Schoß, dauert dieses Gefühl noch an: dass ich es gut mache mit den Kindern und eine liebe Mama bin, dass das Leben schön ist und meine Kinder die wunderbarsten von allen sind.
Du hast uns heute die Dankbarkeit gebracht und die Sonne.
Du hast mir ein Pflaster auf mein wundes Mamaherz geklebt,
und meiner Tochter die wütenden Mamaworte weggeküsst.
Du warst mir heute so viel mehr als eine Schwester – und dabei ist das ja auch schon nicht wenig!
Du warst mir mehr als eine Freundin – und das allein wäre eigentlich mehr gewesen als ich verdiene.
Du bist mir heute ein Engel gewesen, wie schon so oft.

Meine schöne, kluge Engelsschwester.
Du bist einfach wunderbar und ich hab dich unheimlich lieb!

Danke!

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