„Ich werde euch nicht als hilflose Waisen zurücklassen; ich
komme zu euch.“
-Jesus in Johannes 14,18-
Manchmal plätschert mein Leben so vor sich hin, es läuft
rund, und ich erliege der Illusion, alles im Griff zu haben. Dann merke ich
nicht, dass unter der Oberfläche etwas Schweres liegt, dass da in mir eine
tiefe Angst schlummert. Doch immer wieder bricht sie hervor und ich muss mich
wieder damit auseinandersetzen.
Die vergangene Woche war nicht so einfach für mich; Falko
war zwei Tage auf Dienstreise und ich mit den Kindern allein, außerdem fühlte
ich mich nicht so fit – und dann kam Anfang dieser Woche die Nachricht, dass
meine Schwester im nächsten Jahr eine große neue Aufgabe übernehmen wird. Sie
wird ihren jetzigen Job kündigen und etwas anderes machen, etwas, das ihrer
Ausbildung und ihrer Leidenschaft viel mehr entspricht, eine Aufgabe, die
eigentlich ein Dienst ist, eher Berufung
als Beruf. Und obwohl ich mich sofort
für meine Schwester freute, und ich fest davon ausgehe, dass Gott da seine
Finger im Spiel hat, wurde mir abwechselnd heiß und kalt. Ich spürte, wie meine
Grundangst in mir aufstieg, nämlich die Angst vor dem Verlassen-werden.
Seit Noemis Geburt war (und ist) meine Schwester für mich
eine unglaubliche Stütze. Wann immer ich sie brauche, kommt sie vorbei. Sie
kennt die Kinder in- und auswendig, sie bewegt sich in unserer Wohnung wie in
ihrem eigenen Zuhause, ihr vertraue ich mich an. Durch ihre aktuellen Arbeitszeiten
verbringen wir mindestens einen Nachmittag pro Woche miteinander, und immer
wieder nimmt sie mir die Kinder ab, damit ich Termine wahrnehmen oder mal zum
Sport gehen kann.
Mit ihrem neuen Job wird das nicht mehr möglich sein. Dann
hat sie einen anderen Rhythmus und einen deutlich längeren Arbeitsweg; unter
der Woche werden wir uns praktisch nicht mehr sehen. Dass wir in derselben Stadt leben, nur
fünfzehn Fahrradminuten voneinander entfernt, wird dann keine Rolle mehr
spielen. Unser Familienleben wird sich dann dramatisch verändern, und diese
Veränderung fürchte ich. Seit Tagen bin ich traurig. Ich fühle mich verlassen.
In den letzten Jahren sind immer wieder Freundinnen
weggezogen oder Freundschaften haben sich verändert. Jeder dieser Einschnitte
ist mir sehr schwer gefallen, und an manchen Weggängen habe ich heute noch zu
knabbern. Ich kann sehr lange vermissen… und jedes Mal war da dieses Gefühl der
Verlassenheit, der Einsamkeit, des Im-Stich-Gelassen-Seins. Manchmal macht es
mich sogar wütend, dass „alle“ gehen und mich hier zurücklassen. Und jetzt auch
noch meine Schwester!
Erst in den letzten Tagen wurde mir allerdings klar, dass
dieses Gefühl eine Grundangst in meinem Leben ist. Ich bin so oft überfordert
mit dem Alleinsein! Natürlich brauche ich Zeiten für mich, im Alleinsein tanke
ich Kraft für den Alltag. Gleichzeitig ist das „Allein“sein mit den Kindern und
das Alleinsorgen für sie für mich Stress pur. Mir ist da ein interessantes
Muster aufgefallen: Sobald irgendetwas nicht mehr rund läuft, sobald die Kinder
sich mit ihrem Gebrüll gegenseitig übertrumpfen, eines von beiden mir die volle
Teetasse aus der Hand schlägt oder wir mal wieder viel zu spät das Haus
verlassen, werde ich wütend auf meinen Mann. Begründung: Weil er mich mit dem ganzen Chaos allein lässt. Weil ich allein
zurechtkommen muss (mit den Kindern, die ja auch seine sind), und er mir nicht hilft. Zu seinen üblichen Arbeitszeiten
habe ich das alles noch im Griff, aber wenn Falko nur eine Viertelstunde später
als erwartet zu Hause eintrudelt, springe ich im Dreieck. Meine Kräfte und
Nerven reichen anscheinend nicht über 17 Uhr hinaus (und dabei geht es mir ja
noch gut, das ist mir bewusst!).
Das ist jämmerlich, unreif und „unprofessionell“, und von
allen Seiten (besonders von der inneren Kritikerin) bekomme ich zu hören, dies
seien schließlich meine Kinder, für
die ich mich entschieden hätte und
mit denen ich nun auch allein klar
kommen müsse, und ich hätte ja auch sonst nichts zu tun… „Hilf dir selbst, dann
hilft dir Gott.“ „Wir müssen im Leben allein zurechtkommen und dürfen uns nicht
auf andere verlassen, da wird man am Ende ja doch nur enttäuscht…“ Es wird von uns erwartet, das Leben allein zu
bewältigen – oder nicht?
Nein, ich glaube eigentlich nicht, dass Gott sich das menschliche Leben
so vorgestellt hat, dass jeder seine eigenen Probleme beackern muss. Gott hat
uns zur Gemeinschaft geschaffen und in die Gemeinschaft mit sich selbst und den
Menschen um uns herum berufen. Wir sollen und können füreinander da sein so wie
er für uns da ist.
Wenn mich das nächste Mal die Angst vor der Verlassenheit
überfällt, möchte ich daran denken, dass mein Jesus mich nie verlässt. Vielmehr
darf ich mich auf ihn verlassen! Ist das nicht ein schöner Zusammenhang, den
unsere deutsche Sprache für uns herstellt? Jesus lebt in mir, und damit bin ich
nie allein. Das ist ein Schatz in meinem Leben, den ich bis jetzt noch nicht
wirklich geborgen habe; eine Quelle, aus der ich noch viel zu selten schöpfe. Auch
wenn Menschen mich verlassen, und dies ist nun leider der Lauf der Dinge, und geschieht
ja nicht aus Boshaftigkeit, bin ich letztlich doch nicht verlassen, niemals nur
auf mich gestellt.
Mit meinem Kopf glaube ich, dass alles mir zum Besten dienen
wird, wie es uns in Römer 8,28 zugesagt ist. Oft erkennen wir das erst später,
aber manchmal können wir schon mitten im Sturm einen Hauch von Gottes guter
Absicht erahnen. Jedenfalls kam mir der Gedanke, dass ich meine Schwester nun
vielleicht nicht mehr so sehr brauche, wie dies in meinen zwei ersten
Mama-Jahren der Fall war. Ich wusste sie an meiner Seite, als es nötig war –
nun bin ich viel sicherer und ruhiger, meine Kinder schreien nicht mehr so viel
und der Alltag hat sich eingependelt. Also kann ich sie getrost ziehen lassen. Es
gibt nun andere Kinder, für die sie da sein muss. Kinder, die nicht so
privilegiert sind wie meine.
Jesus weiß um meine Ängste, und er möchte mir heraushelfen.
Manchmal fühlt es sich so an, als würde er mich ins kalte Wasser schmeißen,
aber meistens ist es nicht so. Dass ich vor ein paar Monaten Elly kennengelernt
und in ihr eine Freundin gefunden habe, die (für Berliner Verhältnisse) um die
Ecke wohnt, war kein Zufall! Jesus nimmt mir nicht eine Stütze weg, um mich hängen
zu lassen. Er versorgt mich mit allem, was ich brauche.
Und wir brauchen nicht nur Jesus. Okay, wir brauchen ihn
natürlich sehr und mehr als alles andere, aber wir sind ja
auch Menschen hier auf der Erde, und als solche brauchen wir natürlich andere
Menschen. Das ist vollkommen in Ordnung und ja auch von Gott so gewollt. Er
fordert uns dazu auf, einander mit den Gaben zu dienen, die er uns geschenkt
hat; er möchte, dass wir unsere Lasten gemeinsam tragen.
Für mich bedeutet das, dass ich mir Gemeinschaft und
Unterstützung suchen darf und soll. Ich muss mein Leben nicht allein
bewältigen, und auch meine Kinder nicht „allein“ großziehen. Vielmehr gilt es,
den falschen Stolz immer wieder runterzuschlucken und ehrlich zu sagen, wenn
wir allein nicht weiterkommen.
Vielleicht wäre doch das Leben in einer Gemeinschaft das richtige für mich - wenn ich einen Ort hätte, an dem immer jemand da ist, mit dem ich einen Kaffee trinken und ein bisschen quatschen kann... Wie wunderbar wäre das! Aber warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute direkt vor meiner Nase liegt? Wir überlegen sowieso gerade, wie wir die großartige Ressource Nachbarschaft besser nutzen und gute Kontakte zu den Menschen in unserer unmittelbaren Umgebung knüpfen können. Wir möchten für andere da sein und nicht immer so für uns bleiben.
Und während ich so diesen Text schreibe, kommt mir auch meine Dankbarkeitschallenge in den Sinn. Wofür ich dankbar bin? Für meine Freundinnen! Ganz klar. Ich bin nicht allein und nicht verlassen. Da sind so viele wunderbare Menschen in meinem Leben, die ich meine Freunde nennen darf. Ihnen möchte ich diese Woche mein DANKE aussprechen - aber dazu dann mehr in den nächsten Tagen ;)