Donnerstag, 3. März 2016

Unser Markus-6-Experiment





"Die Bibel gleicht einem Acker, der nie abgeerntet werden kann 
und deshalb nie öde und leer daliegt.
Sie gleicht einer Quelle, die beständig fließt
und umso reichlicher strömt, je mehr man daraus schöpft." 
(Ephräm der Syrer, 306-373)


Dieser Post schwirrt mir jetzt schon seit einigen Wochen im Kopf herum, sodass ich mich heute endlich hinsetzen und euch von unserem Hauskreis-Experiment berichten möchte.

Vorerst  noch ein paar allgemeine Worte zu unserem Jugendhauskreis: Seit vergangenen Herbst treffen mein Mann und ich uns im Zwei-Wochen-Takt mit den durchschnittlich sieben Teilnehmer(inne)n und besprechen dann jeweils ein Kapitel des Markus-Evangeliums. Wir entschieden wir uns aus mehreren Gründen für diesen Text: Zunächst einmal wollten wir den „Anfänger und Vollender unseres Glaubens“, Jesus, ganz bewusst ins Zentrum des Hauskreises stellen – und wenn man ihn besser kennenlernen möchte, ist es nur sinnvoll, seine Biographie zu lesen. Markus‘ Version der Jesus-Biographie ist die kürzeste, sodass wir begründete Hoffnung haben, sie bis zu den Sommerferien fertiggelesen zu haben (dann machen nämlich einige der Jugendlichen ihr Abitur und ziehen hinaus in die Welt!).
Und zu guter Letzt kennt mein Liebster den Text bereits recht gut, da er vor ein paar Jahren beim Markus-Theater den Petrus spielte und im Rahmen des Markus-Experiments die Struktur des Markus-Evangeliums auswendig gelernt hat. (Und, mal ganz am Rande: Das Markus-Theater ist eine super Sache, schaut es euch mal an!)

Bei den einzelnen Treffen lasen und besprachen wir also die ersten Kapitel und probierten dabei verschiedene Herangehensweisen und Methoden aus. Manches funktionierte besser und anderes weniger gut; grundsätzlich sehnte ich mich aber danach, noch tiefer in den Text einzusteigen und noch mehr Zeit zu haben, um auf all die wunderbaren Einzelheiten einzugehen (denn jedes Kapitel beinhaltet so viel Gutes, das wir oft nur anreißen konnten).
So kam ich auf die Idee, das sechste Kapitel an jedem Tag bis zum nächsten Hauskreis-Treffen mindestens einmal zu lesen. Dies sollte unser Markus-6-Experiment sein: Was würde passieren, wenn wir denselben Text wieder und wieder und wieder lasen? Würde es uns langweilig werden? Was würden wir entdecken? Würden wir Gottes Stimme anders, deutlicher wahrnehmen?
Wir luden die Jugendlichen ein, sich an unserem Experiment zu beteiligen und lasen das Kapitel selbst zehnmal, mal zu zweit, mal allein, und in verschiedenen Übersetzungen.

Dies ist mein Bericht, 10x Markus 6
(Bevor du weiterliest, schlag in deiner Bibel am besten Markus 6 auf und vergegenwärtige dir den Text ;))

12. Januar, Tag 1: (Luther-Übersetzung) Mich berührt Herodes: Er hörte Johannes gern zu und wurde von seinen Worten berührt. Aber er ist letztlich schwach. Er hört das Heilige, das Richtige; sein Herz erkennt die Wahrheit und sehnt sich sogar danach, obwohl es unbequem ist – am Ende führt dieses Hören aber nicht zur Umkehr. Nichts ändert sich. Herodes bleibt schwach und manipulierbar, und lässt sogar den Propheten Gottes töten.
Das ist tragisch. Und es lässt mich aufhorchen, denn vielleicht sind Herodes und ich uns gar nicht so unähnlich.
Nicht nur deine Worte hören, Herr Jesus, auch tun!

13. Januar, Tag 2: (NGÜ) Welcher Zusammenhang besteht zwischen Glauben und dem Erleben von Wundern?
(V.5) Jesus konnte [?] keine Wunder tun <= die Menschen hatten keinen Glauben
(V. 42) Jesus tut ein großes Wunder, das keiner erwartet oder erbeten hat  <= die Jünger glauben nicht, bzw. erwarten kein Wunder
(V. 52) Jesus hat ein großes Wunder getan => die Jünger verstehen und glauben dennoch nicht („verhärtete Herzen“)
(V. 56) Jesus tut viele Wunder/ Wunderkraft geht von ihm aus <= die Menschen nähern sich Jesus, weil sie glauben und Wunder erhoffen

14. Januar, Tag 3: (NRSV) “and he had compassion for them“ (34)
Eigentlich wollten Jesus und die 12 mal ihre Ruhe haben und sich ausruhen – und sie haben sich diese Pause durchaus verdient. Ich an Jesu Stelle wäre total genervt gewesen, als die Menschen schon wieder auftauchten und seine Pläne durchkreuzten. Ich hätte sie wahrscheinlich zusammengestaucht und weggeschickt, auf „mein Recht“ auf Erholung gepocht.
Aber Jesus tut das nicht.
Er wird von Mitgefühl erfüllt; das Leid der Menschen und ihre Verlorenheit gehen ihm durch und durch.
Also nimmt er sich ihrer an, schenkt ihnen Zeit und Kraft und sein gutes Wort.
Das finde ich wirklich groß an ihm. (Und Danke, dass du nicht so bist wie ich!!!)

15. Januar, Tag 4: (zusammen mit Falko, NRSV)
Warum „verschwendet“ Herodias‘ Tochter ihren freien Wunsch – sie hätte alles haben können!
Warum will Jesus an seinen Jüngern im Boot „vorübergehen“?
Warum glauben Jesus‘ Verwandte und Bekannte nicht an ihn, obwohl sie seine Weisheit und Wunder anerkennen (müssen)?

16. Januar, Tag 5: (zusammen mit Falko, „The Message“)
Herrlich!
Sätze, über die wir stolperten und die noch lange nachhallten:
„They tripped over what little they knew about him and fell, sprawling. And they never got any further.” (3)
“At the sight of them, his heart broke – like sheep with no shepherd they were.” (34)
“they looked like a patchwork quilt of wildflowers spread out on the green grass” (39)
“They didn’t understand what he had done at the supper. None of this had yet penetrated their hearts.” (52)

In einem Bibelkommentar lese ich, dass im AT in einigen Stellen davon die Rede ist, dass Gott allein auf/über dem Wasser gehen kann. Demzufolge tut Jesus hier ein „Offenbarungswunder“ – er offenbart sich als der lebendige Gott!

17. Januar, Tag 6: (King James Version)
Mich wundert immer noch, warum Jesus an seinen Jüngern „vorübergehen“ will.
Mich wurmt auch, dass er den Jüngern nicht schneller hilft – schließlich hat er sie selbst in diese Situation gebracht und beobachtet bereits am Abend, wie sie sich abmühen. Ist ihm das Gebet an dieser Stelle wichtiger?
Dann kommt er zu ihnen, aber anscheinend geht er nicht direkt auf sie zu – will er sie erschrecken? Er wollte doch nicht von ihnen ungesehen zum anderen Ufer vorausgehen, oder?

Die Erfahrungen, die die Jünger hier machen, sind mir nicht fremd. Ich erlebe ihn auch so – dass er nicht sofort eingreift (manchmal tut er es auch überhaupt nicht!). Möchte er, dass ich mich selbst mehr anstrenge?
Manchmal fühlt es sich für mich auch so an, dass Jesus an mir vorbeigeht – und dann erkenne ich ihn vielleicht nicht einmal…

18. Januar, Tag 7: (Ich habe ein bisschen im Internet geforstet, mich beschäftigt die Thematik von gestern noch immer…)
Die Jünger ringen mit dem Sturm – Jesus ringt im Gebet. Wir können davon ausgehen, dass er für sie betet.
Er greift nicht immer sofort ein, errettet nicht aus jeder Schwierigkeit mit einem Wunder. Aber Jesus sieht uns, er hat uns im Blick – er weiß ja, wo wir sind. Und Jesus bittet für uns, er tritt im Gebet für uns ein.
Und schließlich kommt er ihnen zur Hilfe.
„Vorübergehen wollen“ bedeutet hier nicht, „vorbeigehen“ oder „jemandem nicht begegnen wollen“.
Im AT geht Gott selbst an zwei Menschen vorüber: In 2. Mose 33 an Mose, in 1. Könige 19 an dem Propheten Elia. Demzufolge bedeutet „Vorübergehen“ eine besondere Offenbarung Seines Wesens, eine Vergewisserung Seiner Gegenwart, Liebe und Hilfe.
Letztlich offenbart Jesus sich seinen Jüngern hier als Gott.
Sogar auf dreifache Weise:
Er geht auf dem Wasser, er „geht vorüber“ und er spricht sie an mit „Ich bin (es)“ – hier klingt der Gottesname an „Ich bin, der ich sein werde/ Ich bin für dich da“.

Die Jünger jedoch sind nur auf ihre Probleme fixiert (was ich durchaus nachvollziehen kann) – sie erwarten keine Rettung von Jesus und erkennen ihn nicht, halten ihn vielmehr für den Todesengel.

19. Januar, Tag 8: (Elberfelder, zusammen mit Falko)
Uns fällt auf, dass Markus hier gar nicht Petrus erwähnt, der aus dem Boot steigt und Jesus entgegengeht.
Manchmal ist nicht nur das interessant, was dasteht, sondern auch das, was weggelassen wurde.
Anscheinend geht es Markus hier um etwas anderes: Nichts soll uns von Jesus ablenken und von der Tatsache, dass er sich hier als Gott selbst offenbart.

Auch mein Herz ist oft „verhärtet“ – ich bin auf meine eigenen Probleme fixiert und dadurch unbeweglich geworden. Ein hartes Herz lässt sich nicht von Gott formen.
„Verständig werden“ bedeutet, die richtigen Schlüsse aus etwas zu ziehen, 1 und 1 richtig zusammenzuzählen. Dazu sind die Jünger hier noch nicht in der Lage: Sie sehen und erleben allerhand, können die Teile aber noch nicht schlüssig zusammensetzen. Sie verstehen noch nicht, was die logische Konsequenz aus ihren Erlebnissen ist.

20. Januar, Tag 9:
Noch einmal Jesus auf dem Wasser: Dieses ist ein „privates“ Wunder, nur für seine Jünger.

21. Januar, Tag 10: (Hoffnung für alle)
Ich entdecke eine Klammer im Kapitel:
Am Anfang stehen vereinzelte Krankenheilungen – mehr Wunder „konnte“ Jesus nicht tun.
Am Ende des Kapitels heilt Jesus unzählige Menschen, einfach dadurch, dass die Menschen seinen Mantel berühren.
Was für ein Kontrast!

Mich begeistert immer noch Jesus 3-faches Zeichen seiner Göttlichkeit: Er kann übers Wasser gehen, er „geht vorüber“, er ist der „Ich bin“!

Das Evangelium verkünden: Ich empfinde eine starke Diskrepanz zwischen dem, was Jesus seinen Jüngern hier aufträgt und dem, was wir heute tun, wie wir Nachfolge/Mission gestalten.
Das fordert mich heraus, Nachfolge wieder neu zu durchdenken und ernst damit zu machen! In meinem Herzen brennt eine kleine Flamme der Sehnsucht. Sehnsucht danach, Jesus zu erleben, Wunder zu sehen, aus dem Boot zu steigen, Ihn zu erkennen.



Ui, das war jetzt ein langer Post…
Zusammenfassend kann ich nur noch sagen, dass sich das Experiment gelohnt hat. Es waren zehn spannende und aufschlussreiche  Tage, an denen der immer und immer wieder gleiche Text doch niemals der gleiche war… Langeweile haben wir beim Eintauchen in die Geschichten niemals verspürt.
Gott hat gesprochen, immer und immer wieder, und immer wieder anders. Wir haben erlebt, dass uns die Augen geöffnet wurden, dass wir uns an der einen und anderen Stelle wiederentdeckten und neu herausgefordert wurden, Jesus ganz und gar nachzufolgen.
Probiert es doch auch mal aus!









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