Samstag, 15. August 2015

Blechhochzeit



[Greifswald, 11. August 2015]


Liebster Falko,

heilig’s Blechle! Jetzt sind wir schon 8 Jahre verheiratet! Somit feiern wir heute unsere Blechhochzeit (ich hab’s extra nachgeschaut).
„So ein Blech!“, das sagten wir früher, wenn ein Ding nichts taugte, wenn es uns billig und schlecht gemacht erschien, oder wenn etwas kaputt gegangen war, von dem wir uns eigentlich mehr versprochen hatten…
Blech – das ist ein dünn ausgewalztes Metall. Wenn es besonders dünn ausgerollt wird, bezeichnet man es als Folie. Beinah jedes Metall kann zu Blech gewalzt und dann weiterverarbeitet werden, zu Gegenständen aller Art.
Das klingt jetzt nicht gerade toll als Überschrift für einen Hochzeitstag. Den würde man sich ja eher romantisch vorstellen, vielleicht auch ein bisschen glamourös… Blech – das ist hart und kalt, praktisch, funktional, alltäglich.
Aber vielleicht passt dieses Material gerade aus diesem Gründen ganz gut zu unserer Ehe in ihrem aktuellen Stadium: Kleinkindphase. Unsere Tage bestehen nicht mehr aus Rosenduft und Sektprickeln, vielmehr aus vollen Windeleimern, Terminen und Kinderlachen. Und auch unsere Nächte gehören nicht mehr uns allein. Den Alltagstest hat unsere Liebe bestanden, die ersten Krisen haben wir überwunden. Wir sind nicht mehr so verliebt wie am ersten Tag – aber das heißt erstmal nichts Schlechtes!
Immerhin – und so sollten wir es auch sehen – besteht Blech aus Metall. Aus welchem, das entscheiden wir selbst. Blattgold ist im engeren Sinne auch Blech. Würde nur niemand so sagen.
Metalle sind generell langlebiger als organische Materialien. Unsere Liebe kommt nicht auf den Kompost! (Aber, um im Bild zu bleiben, wir müssen schon darauf achten, dass sie nicht Rost ansetzt…)
Bleche sind außerdem trotz einer gewissen Stabilität biegsam und flexibel. Sie können immer wieder neue Formen annehmen, sind zu Veränderung und Anpassung in der Lage. Das wünsche ich uns für unsere Ehe, dass wir nicht starr und unbeweglich werden und trotzdem beständig bleiben in unserer Liebe zu einander und den Menschen um uns herum.
Metalle glänzen – und auch unsere Ehe besitzt noch immer einen gewissen Glanz-Faktor. Acht Jahre und wir mögen uns immer noch – das ist doch was! Wie wir unsere Beziehung zueinander leben, hat immer auch eine Wirkung nach außen. Lass uns für andere in ihren Beziehungen und Ehen Inspiration und Ermutigung sein, ein positives Vorbild.
Aus Blech werden viele Gegenstände hergestellt, die der Aufbewahrung dienen, wie zum Beispiel Tee- oder Keksdosen. Auch unsere Ehe ist mit einem solchen Gefäß zu vergleichen – und ich wünsche mir, dass wir darin das aufbewahren, was gut und kostbar und erhaltenswert ist. Für uns selbst, für unsere Kinder und die, die nach uns kommen. Unsere Ehe soll ein Schutzraum sein für dich und mich, aber auch für alle, die sich an uns wenden und mit denen wir Leben teilen.
Wenn ich über Blech nachdenke, fallen mir (gleich nach dem Blechkuchen) auch die Blechblasinstrumente ein. Wir haben mit den Jahren gelernt, auf unserer Ehe „zu spielen“, harmonische Töne zu erzeugen und mit Missklängen umzugehen. Manchmal wird es laut und schräg und schier unerträglich, aber inzwischen wissen wir, welche Knöpfe wir drücken müssen, damit es wieder ruhiger und friedlicher wird. Das Schöne ist, dass unendlich viele Melodien möglich sind. Immer noch und immer mehr!

Danke für diese acht Ehejahre mit dir!
Auch heute würde ich wieder „Ja“ zu dir sagen, unerschrocken und ohne zu zögern.
Weil ich dich liebe.

Alles Gute zur Blattgold-Hochzeit! (So gefällt es mir doch besser...)
Deine Rebekka


Mein Hochzeitstag-Geschenk für meinen Mann: Selbstgebackene Plätzchen...


... in einer bedruckten Blechdose.

Samstag, 1. August 2015

Volle Pulle Leben




Stell dir vor, du drehst den Wasserhahn auf, um dir nach dem Aufstehen das Gesicht zu waschen – aber es kommt kein Tropfen.
Gestern ging es mir so. Allerdings war ich darauf vorbereitet, hatte schon Schüsseln, Töpfe, Kannen mit Wasser gefüllt. Im Haus fanden Sanierungsarbeiten statt, die es erforderlich machten, uns den Hahn für einige Stunden zuzudrehen. Schon bald lief es wieder, glitzernd, rauschend, im Überfluss, volle Pulle Leben eben.
Wenn es aber mal nicht so fließt, wird alles komplizierter. Die Waschmaschine blieb aus, ich habe nicht geputzt, den Abwasch in der Spüle stehen lassen. Der Haushalt lief auf Sparflamme, denn ich musste darauf achten, dass uns das Wasser nicht ausging.

An Tagen wie diesem bekomme ich einen winzigkleinen Einblick in den Alltag der Bevölkerungsmehrheit unseres Planeten.
Und ich erinnere mich an die Monate, die wir in Kenia praktisch ohne fließendes Wasser verbrachten. Das bedeutete Schlepperei und dass wir meistens das „Abenteuerklo“ außerhalb unseres Häuschens benutzen mussten, gemeinsam mit Leguanen und Geckos.
Und dennoch: Wir brauchten nicht das matschrote Wasser des Flusses kilometerweit auf unserem Rücken zu transportieren, wie es die Mädchen und Frauen des Dorfes Tag für Tag taten. Wir konnten jeden Tag duschen, da die Missionare neben uns große Wassertanks besaßen und funktionierende Leitungen. In unserer Küche stand ein Wasserfilter, der es uns ermöglichte, über sauberes Trinkwasser zu verfügen. Unser Alltag war viel einfacher als wir es uns hier in Deutschland vorstellen können, und doch lebten wir im Vergleich zur normalen Dorfbevölkerung im absoluten Luxus. Das war mir damals oft unangenehm, und das ist es heute noch.

Die Töpfe und Schüsseln voll Wasser und die leeren Wasserhähne erinnern mich daran, dass ich auch an den richtig miesen Tagen unendlich viele Gründe habe, dankbar zu sein.
Wenn dir überhaupt nichts einfällt, wofür du danken kannst, dann dreh den Wasserhahn auf und sag: Danke! Füll dein Glas bis an den Rand, trink es aus in einem Zug und sag: Danke! Füll das Glas noch einmal auf, stell es auf den Tisch, für später, und sag dann nochmal: Danke!

Unser Überfluss macht mich – wenn ich mir dessen endlich mal bewusst werde – auch demütig. Denn dass ich jetzt und hier und so lebe, ist nicht mein Verdienst. Es ist Gnade. Unverdiente, unerklärliche, bedingungslose Gnade.

Und Wut, die spüre ich auch.
All die Kinder, die krank werden von schmutzigem Wasser.
All die Frauen, die sich kaputt schleppen.
All die Menschen, die verhungern und verdursten.
Das darf nicht sein!
Hilflosigkeit im Angesicht der Not, dieser zum Himmel schreienden, unbegreiflichen Not.
Es ist die Not, die heute wieder hunderte Schutzsuchende in unser Land treibt.
In ein Land, wo man, wenn man Durst hat, nur den Wasserhahn aufdrehen muss.
In ein Land, wo uns das Danke viel zu selten über die Lippen kommt, leider.
Ich spüre Verantwortung,
denn die haben wir auch.
Von dem, der viel hat, wird umso mehr gefordert werden.
Das ist auch richtig so.
Ich möchte etwas tun, und das werde ich auch.

Während ich mir Wasser aus einer Schüssel schöpfe, um mir die Hände zu waschen, wird Jesus als das lebendige Wasser mir im Herzen groß. Ohne Wasser ist kein Leben möglich. Dort, wo es nur wenig Wasser gibt, können Pflanzen, Tiere und Menschen kaum gedeihen.  Ein kräftiger Regenschauer genügt, und die Wüste erblüht.

Was mir an Jesus so gut gefällt ist seine Großzügigkeit. Dass er sich selbst verschwendet. Dass er eine sprudelnde Quelle ist, die sich niemals erschöpft, die immer nur mehr und mehr hervorbringt für uns. Bei ihm dürfen wir trinken, so viel wir wollen. Er macht uns den Becher nicht halbvoll (oder gar halbleer!), er füllt ihn uns randvoll und bringt ihn zum Überlaufen. Bei ihm ist nicht knappes Überleben und ein bisschen spaßiges Erleben – bei ihm finden wir das Leben in Fülle!
Ich glaube, er gibt uns deshalb so viel mehr als wir brauchen, weil er möchte, dass wir von seiner Fülle weitergeben. Er ist großzügig, damit wir es auch sein können. So wie Jesus sich selbst verschwendet, können auch wir ihn „verschwenden“, ihn reichlich teilen mit den Menschen um uns herum. Weil er so unendlich groß ist. Weil er genügt. Sein Wasser reicht für uns alle und noch viel weiter.

 Jesus rief:
"Wer Durst hat, soll zu mir kommen und trinken! 
Wenn jemand an mich glaubt, werden aus seinem Inneren
Ströme von lebendigem Wasser fließen,
wie es in der Schrift heißt."
Johannes 7, 37+38







Donnerstag, 30. Juli 2015

Die Geburt einer Mutter



Für meine Tochter,
die wundersüße,
das Geburtstagskind



Es erstaunt mich immer noch, wie cool ich war. Ich hatte sowas von keine Ahnung, was mich erwartete, und das war auch besser so.
Am Abend bevor du geboren wurdest, saßen dein Papa und ich beim Mexikaner und aßen Burritos. Denn „wer weiß, wann wir das wieder machen können…“ Ich hatte schon regelmäßige Wehen, aber sie ließen sich irgendwie ertragen; mit meinem Wissen von heute würde ich sagen, dass es aber schon „richtige“ Wehen waren. Es war so heiß an diesem Abend, und die Bedienung brachte mir einen Fächer, fragte, wann es denn so weit sei. Als wir ihr sagten, heute sei der errechnete Geburtstermin (die Wehen erwähnten wir nicht), meinte sie nur, wir hätten ja Nerven…
Wir gingen nach Hause, was aber dauerte, weil ich alle paar Minuten eine Pause einlegen musste. Trotzdem dachte ich noch nicht daran, dass nur wenige Stunden später du das Licht der Welt erblicken würdest. Zu Hause angekommen, schaute ich online noch irgendeine Serie, duschte und legte mich ins Bett (!). Ziemlich schnell wurde mir aber klar: Nein, das Baby kommt JETZT, wir müssen ins Krankenhaus! Dein Papa war etwas verdutzt, dass ich ihm plötzlich so einen Druck machte, er solle sofort ein Taxi rufen.
Als wir im Krankenhaus ankamen, schloss mich die diensthabende Hebamme an den Wehenschreiber an, untersuchte mich aber nicht – in derselben Nacht wurden noch fünf weitere Kinder auf der Geburtsstation geboren. Nach etwa einer Stunde schaute sie erst wieder bei uns rein, da ich begonnen hatte, ein bisschen zu schreien. Der Muttermund war vollständig geöffnet und du konntest dich auf deine erste Reise begeben. Nach ziemlich viel Hin und Her und zweieinhalb Stunden später flutschtest du förmlich aus mir heraus und schriest deinen ersten Schrei.
Ich war erleichtert und glücklich, als die Hebamme dich auf meinen Bauch legte: Ein munteres und gesundes Kind, ziemlich dünn zwar, aber alles dran. Und du warst so sauber… Jetzt war die Geburt überstanden, dachte ich, und wir hatten das alle ganz gut gemacht – doch irgendetwas schien nicht zu stimmen. Da war sehr viel Blut und die Plazenta kam nicht raus, wie sehr sie auch auf meinem Bauch herumdrückten. Du durftest kurz an meiner Brust saugen, wurdest dann aber zum Messen, Wiegen und Untersuchen mitgenommen – zu dem Zeitpunkt ahnte ich nicht, dass ich dich erst Stunden später wiedersehen würde, nach der Ausschabung unter Vollnarkose.
Leute in blauen Kitteln kamen herein, drückten mir eine Sauerstoffmaske aufs Gesicht und fragten, ob ich nüchtern sei (was ich bejahte, denn den Burrito hatte ich gleich bei der Ankunft im Krankenhaus in die Nierenschale „abgegeben“).
In der Zwischenzeit hatte dein Papa dich in seinen Armen gewiegt; gegen Morgen glaubte er, sie würden ihm jeden Moment abfallen. Als er dich wieder auf meine Brust legte, warst du vollständig angezogen, trugst Windel und Mützchen und sahst so friedlich aus, wunderschön.
In diesem Augenblick verschwand meine Coolness (sollte ich jemals welche besessen haben). Du warst so winzig, so zart, so hilflos – und ich sollte nun für dich verantwortlich sein, für dich sorgen? Wie sollte ich das denn machen? Ich hatte doch gar keine Ahnung von kleinen Kindern und vom Mama-Sein!?!
Manchmal denke ich, dass deine Geburt nicht nur diese paar Stunden im Krankenhaus dauerte; „Wehen“ hatte ich jedenfalls noch Wochen und Monate später. Wir mussten uns erst kennenlernen, du und ich, und ich musste in meiner neuen Rolle als Mama ebenso erst ankommen wie du in dieser lauten und bunten Welt. Das Stillen war oft schwierig und ich hatte Angst, dich nicht ernähren zu können. Es fiel mir schwer, meine Bedürfnisse hinten anzustellen und für dich zu „funktionieren“ – und das, obwohl du doch eigentlich ein Wunderkind warst – und schon nach wenigen Tagen nachts durchschliefst! (Ich sehe das als Gnade Gottes…)
Wie oft saß ich da, dich im Arm haltend, mit Tränen in den Augen – weil ich so gerührt war und dankbar und glücklich und stolz, gleichzeitig so unendlich hilflos, verzweifelt, überfordert. Ich liebte dich so sehr, und zur selben Zeit erschien es mir manchmal unmöglich, dir die Mutter zu sein, die du brauchtest.

Heute bist du genau 2 Jahre alt und flitzt den ganzen Tag durch die Wohnung, baust tolle duplo-Häuser und „liest“ deinem kleinen Bruder Bücher vor. Ein tolles Mädchen bist du geworden, das alle Leute auf der Straße mit einem freundlichen „Hallo“ grüßt, ein Faible für Motorräder hat und die Zwei-Wort-Satz-Phase langsam aber sicher hinter sich lässt. Du bist ein Papa-Kind, das beim Abendlied trotzdem am liebsten auf Mamas Schoß sitzt. Ich verstehe deine Wortschöpfungen am besten, ich bin diejenige, die als erste sieht, was du Neues gelernt hast, die dich in- und auswendig kennt und trotzdem jeden Tag von dir in Staunen versetzt wird. Du bist meine Erstgeborene, der Mensch, der mich zur Mama gemacht hat.
Ja, in dieser schwülen Juli-Nacht vor zwei Jahren wurde nicht nur ein Kind geboren – gleichzeitig kamen eine Mama und ein Papa zur Welt, und eine kleine Familie entstand. Wir haben mit dir gemeinsam den ersten Atemzug getan, in dieses neue Leben mit dir. Zusammen mit dir gehen wir immer wieder die allerersten Schritte, stolpern, fallen hin und stehen wieder auf.
Es gibt Tage, da flutscht alles und wir springen vergnügt durch dieses wunderbare Leben, da ist einfach alles perfekt und ich denke, dass ich in den letzten zwei Jahren doch irre viel gelernt hab! Und dann gibt es auch Tage, da fühle ich mich wieder wie damals im Krankenhaus, als ich (noch) keine Milch für dich hatte und du so dünn warst und so verzweifelt schriest und ich betete: „Gott, ich kann das nicht!“ Das sind Tage, an denen mir klar wird, dass wir weiterhin unterwegs sind, dass es immer wieder tausend kleine und große Erste-Male gibt, dass ich keine „Expertin“ bin. Eher ein Greenhorn. Aber die „Ausbildung“ zur Mama dauert nun mal ein Leben lang, kann nicht in drei Jahren abgeschlossen werden. Gott sei Dank.

Heute, an deinem Geburtstag, empfinde ich vor allem Dankbarkeit für dein Leben, für diese deine unsterbliche Seele, für dich.  Dass ich deine Mama sein darf, ist für mich ein unfassbar großes Geschenk.
Ich bin dankbar, dass du bist, wie du bist, unverwechselbar, einzigartig, wunderbar erdacht und gemacht. Es erfüllt mich mit Dankbarkeit (und zugleich mit Wut), dass du hier und jetzt in Frieden, Sicherheit und Wohlstand heranwachsen kannst – wo zeitgleich Millionen Menschen weltweit auf der Flucht sind und nicht wissen, was der morgige Tag bringen wird. Ich bin dankbar, und gleichzeitig weiß ich, dass wir zum Handeln aufgefordert sind, dass wir nicht bei uns stehen bleiben dürfen.
Und ich danke unserem Vater im Himmel, dass er uns bis hierher begleitet hat – dich als Kind und mich als Mutter. In den vergangenen 24 Monaten hat Er es mir durch dich nahegebracht, was es bedeutet, dass Gott mein Vater (und meine Mutter) ist und dass ich seine Tochter bin. Nie war ich näher dran an unserem großen Gott, der ein kleines Kind wurde und hier mit uns als Mensch lebte.
Du bist für mich ein Engel, weil du von Gott gekommen bist, weil er dich zu uns geschickt hat, mit ganz vielen Botschaften seiner Liebe und seinen Vorstellungen vom Leben auf dieser Erde.
Du hast zwar keine Flügel, aber eines Tages wirst du davonfliegen, in dein eigenes Leben.
Bis dahin begleiten wir dich, Schritt für Schritt, voll Staunen und Danken, und gehen gemeinsam weiter an der Hand des Vaters.

Happy birthday, mein Schatz!


Sonntag, 26. Juli 2015

Mut zur Lücke



Die Blogs anderer Frauen und  Mütter zu verfolgen, ist ermutigend und inspirierend. Sie geben mir viele Anregungen und Tipps für den Alltag mit kleinen Kindern, Anstöße zur Kreativität und so weiter. Da ist das Aquarium aus einer alten Müsli-Packung, ein fast vergessenes Kinderlied, Ideen für den Kindergeburtstag, der bei uns bald ansteht, ein Gedankensplitter zu Gottes Gegenwart in meinem Leben. Ich beginne, mir ganz neue Gedanken zu machen – über Konsum, Erziehung, Ehe, Freundschaft, Glaubensleben.
Im Grunde sind das sogar viel zu viele gute Dinge, die da auf mich einströmen… Ich kann das, was diese Blogs an Wertvollem ausspucken, eigentlich kaum verarbeiten. Vielleicht sollte ich mir mal eine Liste (oder besser: eine Tabelle) anlegen, in der ich all das sammeln und für den späteren Bedarf aufheben kann. Denn schließlich sind das alles Schätze, die nicht verlorengehen dürfen. Spielideen, die ich unbedingt ausprobieren muss. Rezepte, die für die Ernährung meiner Kinder von unschätzbarem Wert sind. Werte, die ich meinen Kindern vorleben und weitergeben muss, sollen sie wenigstens einigermaßen gut geraten…
Hier sind wir auch schon bei meinem Problem angekommen: Irgendwie fühle ich mich in Anbetracht der Fülle guter Anstöße und Gedanken ziemlich defizitär. Denn mein Leben scheint ganz anders zu sein: Nicht so bunt. Nicht so bewusst. Nicht so Jesus-durchdrungen. Nicht so voll Nächstenliebe. Nicht so kreativ. Nicht so engagiert.

Es ist beeindruckend – und das sage ich ganz unironisch, voll ehrlicher Bewunderung – was manche Menschen (und vor allem: MÜTTER) in der Lage sind, in 24 Stunden alles unterzubringen.
Meine Energie dagegen reicht gerade so zum Überleben. Ich bin froh über jeden Tag, an dem ich nicht ausflippe und meine Kinder anschreie. Wenn ich meinen Haushalt so einigermaßen schaffe, bin ich zufrieden. Dass der Draht zu meinem Ehemann und zu unserem Vater im Himmel noch besteht, erfüllt mich mit leisem Stolz und Dankbarkeit. Die Kinder sind satt und sauber, wenigstens das, denke ich, denn viel mehr kriege ich nicht hin. Oft habe ich das Gefühl, einfach nur zu funktionieren.
Soziales Engagement? – Voll wichtig, aber was und wie und vor allem: wann? Tolle Kreativprojekte? – Sehr gern, aber… und wie organisiere ich das mit zwei Kleinkindern? Umstellung unserer Ernährung auf Selbstversorgung bzw. regionale Biokost? – Wäre sicher wünschenswert, ist mir aber ohne Auto und Garten gerade nicht möglich. Klamotten selber nähen? – Wow, tolle Idee, aber so viel Aufwand, und dann bräuchte ich erstmal eine Nähmaschine. Unvergessliche Naturerlebnisse mit den Kindern? – Die hat vielleicht mein Mann, wenn ich ihn nach der Arbeit mit den Kindern rausschicke, um einen Blogeintrag schreiben zu können. Wenigstens das.

Irgendwas mache ich anscheinend falsch. Wahrscheinlich sogar ziemlich viel… Ich müsste mich besser organisieren, die Prioritäten neu ordnen, Abstriche an anderen Ecken (aber welchen?) machen. Blöd nur, dass das schon wieder nach ziemlich viel Arbeit klingt, für die ich – so fühlt es sich jedenfalls an – weder Zeit noch Energie übrig habe.
Bleibt mir wohl also nichts anderes übrig, als meine Defizite zu verwalten…

Ach, ich bin so erdrückend normal und lahm. Denn ich bin tatsächlich NUR Hausfrau und Mutter. Ok, und ein bisschen auch Bloggerin, aber das zählt nicht, weil das so viele andere neben ihren 1000 Aktivitäten auch noch machen.
Selbst wenn ich für meine Kinder Schulbrote schmieren würde, wäre ich sicher nicht dazu in der Lage, dies besonders kreativ zu tun und die Kunstwerke anschließend auch noch zu fotografieren. Wühlen im Dreck ist überhaupt nicht mein Ding und Tiere mag ich (ganz ehrlich) auch nicht besonders. Über einen grünen Daumen verfüge ich nicht, mir gehen sogar Kakteen ein, und zum (großartige Dinge) Basteln sind meine Kinder noch zu klein.
Manchmal finde ich das deprimierend.

Eigentlich weiß ich ja, dass wir alle mit Defiziten leben. Mit kleineren und größeren. Wir können nicht alles haben und schon gar nicht sofort. Nicht alles ist für jede von uns machbar, erreichbar, und vielleicht auch gar nicht erstrebenswert. Nur, weil Leute, die ich toll finde, aus Überzeugung ihre eigenen Tomaten ernten, muss ich das nicht auch unbedingt tun. Nur weil andere Kinder so viele Naturerlebnisse haben, im Freien schlafen und Rehkitze streicheln (oder so), können meine Kinder erstmal auch ohne solche Highlights auskommen.
Sicher, es gibt so vieles, was wertvoll wäre für meine Kinder, was es wert wäre, an sie weiterzugeben: Naturliebe, Ehrenamt, Museen, Bücher, Kreativität, verschiedene Sportarten, Bioessen, Ponyreiten, Angeln, Klettern, Kinderlieder, exotische Länder… aber, ganz ehrlich: Wir müssen doch alle eine Auswahl treffen, und tun das auch – mehr oder weniger bewusst. Wir tun eben das, was uns möglich ist, was wir wichtig finden, was für uns Priorität hat und uns Spaß macht. Wir können und MÜSSEN NICHT alles schaffen.

Ich verordne mir hiermit also ein bisschen Abstand von all den tollen Anregungen, DIY-Tipps und Ideen und tätschele mir beruhigend den Arm.
Denn erstens: Es kommen auch wieder andere Zeiten. Meine Kinder sind wirklich noch sehr klein, da ist es völlig ok, wenn wir nicht jeden Tag basteln oder eigene Zucchini züchten. Meine Kinder haben (das ist mein Gebet) noch einige Jahre Kindheit vor sich, die wir mit verschiedenen Aktivitäten, Hobbys und Erlebnissen füllen werden. Alles zu seiner Zeit.
Ich sage mir selbst: Geh einen Schritt nach dem anderen.
Überleg dir: Was ist JETZT für meine Kinder wichtig? Was ist GERADE drin – finanziell, kräftemäßig, interessehalber? Wie kann ich JETZT unsere gemeinsame Zeit gestalten? Nur darauf kommt es an, jetzt.

Zweitens: Wir geben unseren Kindern das mit, was uns selbst etwas bedeutet. Das geschieht oft ganz unbewusst. In meinem Fall könnte das die Liebe zu Büchern und zur Kreativität, zur Kunst sein, außerdem Gastfreundschaft und die Zugehörigkeit zu einer christlichen Gemeinde mit allem, was dazugehört. Meine Leidenschaft für Kenia und Ungarn und Fremdsprachen. Interesse an Geschichte und gesellschaftspolitischen Fragen. Singen. Spaziergänge. Bahnfahren statt mit dem Auto.
In anderen Familien wird viel Wert auf gesunde Ernährung und Sport gelegt, anderen gelten Bildung und Wissen als höchstes Gut. Die einen fotografieren ihre Brotboxen, die nächsten gehen mit der ganzen Familie zum Fußball und wieder andere erkunden bei jedem Wetter die Natur. Manche Mütter gehen mit ihrem Säugling in die Kunstausstellung, andere nehmen die Kinder mit zu allen möglichen Gemeindeveranstaltungen oder zu ihrem ehrenamtlichen Engagement…
Diese Vielfalt ist wunderbar! Unsere Familie bildet eine Facette dieser Vielfalt, und muss nicht das ganze Spektrum abdecken.

Drittens: Kinder entdecken ihre Welt mehr und mehr selbst. Immer mehr Interessen und Möglichkeiten tun sich ihnen auf – zunächst in der Kita, später in der Schule und im Verein, ebenso in den Medien. Sie lernen Neues kennen und erschließen sich womöglich Welten, zu denen weder ihr Papa noch ich so wirklich Zugang finden. Vielleicht wird meine Tochter völlig unerwartet Leistungssportlerin oder geht als Schreinerin auf die Walz. Und unser Sohn könnte Börsenmakler werden(Gott bewahre!), Anthropologe im Amazonas-Gebiet oder Professor für Sinologie… Was ich damit sagen will: Unsere Kinder gehen möglicherweise weit über das hinaus, was wir ihnen vorgelebt und angeboten haben. Diese Perspektive beunruhigt mich zwar ein bisschen, auf der anderen Seite befreit sie mich auch ungemein.

Und viertens: Manche Defizite lohnt es sich zu füllen. Aber niemand kann an fünf Baustellen gleichzeitig schuften. Such dir lieber eine aus, an der du arbeiten möchtest – einen Bereich in deinem Leben, für den du dir am meisten Wachstum wünschst. Wenn es dir tief drinnen ein schlechtes Gewissen macht, konventionell hergestellte und gehandelte Waren zu konsumieren, überleg dir, wie du Schritt für Schritt zu einem nachhaltigeren und fairen Lebensstil kommen kannst. Wünschst du dir mehr Sportlichkeit in deiner Familie, dann arbeite daran, peu à peu mehr Bewegung ins Familienleben zu bringen. Sprich mit deinem Mann darüber und auch mit deinen Freunden. Geh mit deinen Überlegungen ins Gebet. Und wenn du dir nicht sicher bist, was gerade wirklich dran ist - Lass dir ins Herz geben, woran Gott in deinem Leben arbeiten möchte.
Das ist es, was ich gerade tue. Ich will stille werden und auf meinen Gott warten. Auf diese Weise halte ich die Ansprüche in ihrer überwältigenden Gesamtheit immerhin etwas auf Abstand.

Wir sind wir, und das dürfen wir auch sein.
Wir bleiben nicht wir, wir verändern uns, und das ist gut so.
Wir gehen weiter, wir bleiben nicht stehen.
Wir lassen uns inspirieren, und manches lassen wir auch...
Wir sind so frei!