Donnerstag, 5. Februar 2015

Brief an meine Tochter

Meine allerliebste Lieblingsnoemi,

gestern erlebten wir beide deinen ersten öffentlichen Tobsuchtsanfall, in einem großen und hellhörigen Einkaufszentrum. Heute Vormittag kämpften wir bis Tränen flossen, weil du deine Bücher nicht vom Boden aufheben wolltest (und ich doch darauf bestand). Gestern und heute warst du die süßeste große Schwester auf der ganzen Welt, mit all den feuchten Küssen, die deinen Bruder bedeckten. Gestern warst und heute bist du meine allereinzige und allerliebste Tochter, und wenn ich dich anschaue, läuft mein Herz von Stolz und Glück über. So wunderschön, lustig und klug bist du!

Ja, wir beide hatten es wirklich schön zusammen: Morgens lagen wir in unseren Betten und quatschten ein bisschen, bevor ich aufstand und das Frühstück für uns machte. Wir konnten stundenlang Bilderbücher betrachten, ausgelassen durch die Wohnung tanzen und das geschnippelte Gemüse naschen, bevor es in den Topf kam. Wir spazierten durch den Park, ganz ohne Eile, und manchmal legtest du dich einfach flach auf den Boden und schautest den Wolken zu. Wir spielten „Schotterwagen“, bis meine Knie schlotterten, ich sang in Endlosschleife „meine Nase ist verschwunden...“ und manchmal kuschelten wir ein bisschen, ganz kurz, so lange du es eben aushieltest... Wir waren ein eingespieltest Team, wir beide, du und ich. Wir hatten unseren eigenen Rhythmus und auch unsere eigene Sprache. Alles war gut.

Und dann kam Samuel, das kleine Brüderchen, und unsere Welt stand plötzlich Kopf.
Meine ebenso wie deine. Dieses kleine Wesen ist ja wirklich zuckersüß, und was für weiche Haare er hat! Wir beide schauen ihn gern an, wenn er schläft, und küssen seinen Kopf. Ja, er ist toll.
Aber eben auch immer da. An Mamas Brust, auf Mamas Arm – dort, wo bis vor kurzem noch dein exklusiver Stammplatz war. Wenn er schreit, wird er sofort hochgenommen, getröstet, herumgetragen. Er kann nichts, weiß nichts, macht nichts, und bekommt doch so viel von der Aufmerksamkeit, die deiner Meinung nach allein dir zustehen würde. Er wird die Treppe rauf getragen, während du die Stufen allein erklimmen sollst. Du musst auf dein Frühstück warten, weil er zuerst bedient wird... Das ist einfach nicht fair. Und neu. Und irritierend.

Ich kann verstehen, dass diese neue Familienkonstellation dich verunsichert. Dass du glaubst, deine Position verteidigen und sichern zu müssen. Dass du Aufmerksamkeit möchtest, um jeden Preis. Ich verstehe dich so gut, mein Schatz, und manchmal ist mir so, als würde mein Herz zerspringen, weil ich mich dir gegenüber schuldig fühle. Deine Verzweiflung, deine Wut, deine Verunsicherung schmerzen mich, und doch kann ich den Grund dafür nicht wegnehmen. Ich kann nur versuchen, für dich da zu sein so gut ich kann – trotz all der Stunden Schlaf, die mir inzwischen fehlen. Ich kann dir nur zuflüstern, immer wieder, dass du mein über alles geliebtes Kind bist, dass meine Liebe zu dir sich durch Samuels Geburt kein bisschen verändert hat. Und ich hoffe, dass du das weißt, auch wenn der Platz auf meinem Schoß jetzt meistens besetzt ist.

Und weißt du eigentlich, dass du jeden Tag eine Quelle der Ermutigung für mich bist? Immer wieder sehe ich dich an und staune und bin stolz auf dieses kleine blonde Mädchen, auf „Mimi“, wie du dich selber nennst. Ich denke zurück an die ersten Tage und Wochen mit dir; daran, wie klein und winzig und hilflos du warst – und wie hilflos ich mich selber fühlte! Wie schwer es mir anfangs fiel, Mama zu sein, all die Verantwortung für dich zu tragen, mich selbst zurückzustellen. Wenn ich dich anschaue, dann erinnerst du mich daran, dass ich es schon einmal geschafft habe. Dass der Schlaf irgendwann zu mir zurückkommen wird. Dass sich irgendwann ein Rhythmus einstellt. Dass Samuel auch einmal alles lernen wird, was du schon kannst. Dass ich ihn kennenlernen werde, so wie ich auch dich kennengelernt habe, jeden Tag ein bisschen mehr. Du erinnerst mich daran, dass ich ja schon Mama bin, und vielleicht auch gar keine sooo schlechte... Und du führst mir vor Augen, wie schnell die erste Zeit vergeht, obwohl die Nächte einem manchmal endlos scheinen; du mahnst mich, doch hin und wieder innezuhalten und zu genießen: das unendlich weiche Babyhaar, diese kleinen Finger, das Huschen eines Lächelns über das träumende Gesicht. Du steckst mich an mit deiner Begeisterung für unser „Baby“ und bringst mich so oft zum Lachen!

Meine allerliebste Lieblingsnoemi, obwohl wir es gerade ein bisschen schwer haben, auch miteinander von Zeit zu Zeit, so dürfen wir doch wissen, dass es wieder besser werden wird. Langsam, aber sicher. Wir werden als Familie zusammenwachsen und uns bald schon nicht mehr daran vorstellen können, dass es mal eine Zeit ohne Samuel gab. Wir werden wieder ungestört schlafen. Wir werden wieder mehr Mama-Noemi-Zeit haben können. Wir werden in eine größere Wohnung ziehen. Und solange das alles noch Zukunftsmusik ist, machen wir es uns im Jetzt und Hier schön. Wir beide, du und ich. Denn wir haben uns, und dafür bin ich total dankbar.
Danke für alles, was du mir zeigst, was du mich lehrst und worin du mich herausforderst. Danke für deine Küsse, dein Lachen, deine Lebendigkeit! Danke, dass wir jeden Tag wieder neu miteinander beginnen und gleichzeitig an unserem Mutter-Tochter-Beziehungshaus weiterbauen können. Danke, dass du mir nie lange böse bist – und bitte entschuldige meine Ungeduld, meine Genervtheit, meine Unsensibilität. Das alles tut mir leid.

Gott sei Dank, dass es dich gibt. Ich habe dich unendlich lieb!
Deine Mama

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