Mittwoch, 13. Juni 2018

Liebes junges Ich...


Berlin, Juni 2018

Liebes junges Ich,

du bist jetzt vielleicht 15 oder auch 25 Jahre alt, das tut nicht viel zur Sache, denn deine Gedanken über dich selbst sind in all den Jahren ungefähr die gleichen geblieben.
Ich weiß, dass du unzufrieden mit dir bist, dass du dich manchmal sogar überhaupt nicht ertragen kannst. Sätze von anderen, einfach so daher gesagt, gedankenlos, haben dich tief getroffen und verletzt, und du hast ihnen geglaubt: "Deine schlanken Finger passen gar nicht zum Rest deines Körpers." "Wir sind eben beide ein bisschen korpulent."
Stempel, die man dir aufgedrückt hat, hast du wie eine zweite Haut akzeptiert. Die Unsportliche. Die Dicke. Die mit den Hamsterbacken (im Ernst?!).



Ja, diese Worte haben dich geprägt.
Sie haben dazu beitragen, dass du dich nicht wohl in deiner Haut fühltest, dass du dich danach sehntest, eine andere sein zu können. Du hast es versucht, aber du bist immer wieder gescheitert. Wir sind immer wieder gescheitert.

Aber lass dir von mir, deinem 31-jährigen Ich, ein paar Dinge sagen. Erstens:

Sei dankbar für deinen Körper und für das, was er ist. Jetzt.
Mal ehrlich, du wirst nie wieder in deinem Leben so nah dran sein, das gesellschaftlich akzeptierte Schönheitsideal zu erfüllen, wie jetzt! So wie du jetzt bist, mit 15 oder mit 25 - so schön und jung und sportlich und schlank wirst du nie mehr sein! Das ist nicht wirklich wichtig, und es macht dich auch nicht glücklich, aber glaub mir: Nach diesem Körper wirst du dich einmal zurücksehnen und dir wünschen, du hättest ihn mehr gemocht! Denn er ist einfach toll so, wie er ist.
Mir wird immer mehr bewusst, dass ich für meinen Körper im Hier und Jetzt dankbar sein sollte und darf.
So wie er jetzt ist, wird er nicht bleiben.
Er wird sich mit mir zusammen verändern, und das ist auch gut so.
Genieße deine Jugend, solange du sie hast - das steht doch sogar in der Bibel!



Weißt du noch, in diesem einen Sommer, da warst du 14 oder 15, und du hasstest dich selbst so sehr. Es war ein heißer Tag und ein Mädchen aus der Gemeinde, ein paar Jahre älter als du, selbstbewusst, schlank, bewundert, rief dich an und lud dich zum Schwimmen im Baggersee ein. Wow, ausgerechnet DICH! Das tat schon gut... Aber das ging natürlich nicht. Du musstest einen Weg finden, aus der Sache rauszukommen, irgendeine Ausrede musste her. Du bist nicht mitgefahren an den Baggersee an diesem Tag und auch nicht in diesem Sommer, denn du wolltest nicht, dass sie dich im Bikini sehen und über deinen ungeliebten Körper urteilen würde!
Was hätte das für ein schöner Tag werden können, was für ein Beginn einer wunderbaren Freundschaft!

Lass uns aus dieser Begebenheit lernen und niemals wieder Gemeinschaft und Spaß verpassen, nur weil wir uns wegen unseres Körpers schämen!

Das führt mich zu einem zweiten Gedanken:

Dein Körper ist NICHT dazu da, um anderen zu gefallen!

Verrückt, oder! Dein Körper ist nicht dazu da, um anderen zu gefallen. Lass dir diesen Satz ruhig auf der Zunge zergehen. Du wirst feststellen, er schmeckt süßer als Schokolade. Und wenn du dir diesen Satz immer wieder zuflüsterst, oder ihn deinem Spiegelbild entgegen schmetterst, wirst du merken, dass er etwas in dir freisetzt.
Wie wir uns in unserem Körper fühlen, hat leider sehr viel damit zu tun, was wir glauben, was andere von uns denken.
Und das ist völliger Quatsch. Dein Körper gehört nicht einem anderen Menschen. Er ist auch kein Produkt, über das andere Bewertungen abgeben könnten.  Dein Körper hat nicht die Funktion, nicht den Sinn, irgendwelchen Leuten zu gefallen - dazu hat Gott dich nicht geschaffen! Dafür hat er dir deinen Körper nicht gegeben!



Du bist keine Sklavin - du bist ein freies Kind Gottes!

Neulich habe ich in einem Video zum Thema Bodyshaming gehört, dass der Körperkult und die Reduzierung eines Menschen auf seine äußeren Merkmale letztlich eine "Sklaven-Mentalität" kennzeichnet. Das hat mich sehr berührt. Und ich glaube, dass es stimmt: Wenn ich andere oder mich selbst aufgrund des Körpers bewerte und beurteile (sowohl im Positiven als auch im Negativen), verhalte ich mich ein bisschen wie ein Händler auf dem Sklavenmarkt. Ich sortiere Menschen nach sehr einfachen Kategorien: schön - hässlich, dünn - dick, wertvoll - wertlos. Wie krass!

Wir sind aber keine Sklaven! Du bist keine Sklavin!
Du bist ein erlöstes, freigekauftes, geliebtes Kind Gottes und so viel mehr als nur deine äußere Hülle.
Lass dich frei machen von dieser Sklaven-Mentalität und hör mit der Fleischbeschauung auf - sowohl mit der harschen Beurteilung deines eigenen Körpers, als auch mit der Bewertung anderer.
Denn mal ehrlich: Wie oft schaust du einer anderen Frau auf den Hintern und fragst dich: "Hat sie einen dickeren Hintern als ich?"  Hör damit auf!



Dein Körper hat das gleiche Recht auf Fürsorge, Genuss und Freiheit wie jeder andere auch.

Auch das hört sich für dich vielleicht erst mal wie ein verrückter Gedanke an...
Viel natürlicher ist es für dich, auch im Sommer lange Jeans zu tragen, damit niemand deine "dicken" Oberschenkel wahrnimmt. Oder in diesem schönen Kleid den Bauch einzuziehen, den lieben langen Tag lang. Oder das schulterfreie Top nicht zu kaufen, weil man deine Oberarme zu schwabbelig finden könnte.
Dass du anderen deinen Anblick im Bikini (oder auch im Badeanzug) am Strand ersparen möchtest, hatten wir ja schon. Und wenn du dir an einem heißen Tag ein Eis gönnen willst, fragst du dich zuerst, was die anderen über dich denken könnten (von wegen: "Ach, jetzt stopft die Dicke sich auch noch ein Eis rein!") - und lässt es dann doch lieber sein.

Hallo, geht's noch?!

Damit ist jetzt Schluss! Nicht nur zu 100% dem Schönheitsideal entsprechende Körper (ich wüsste auch gar nicht, wie viele Frauen einen solchen überhaupt haben!) dürfen den Sommer genießen mit allem, was dazu gehört: Schwimmen gehen und luftige Röcke tragen und Eis essen und sich stundenlang in der Sonne braten. Diese Vergnügungen sind für alle da. Tatsache!
Also gönn deinen Beinen eine frische Brise und deinen Schultern die warmen Sonnenstrahlen. Gönn deiner Zunge ein schönes, kühles Eis und deiner Haut ganz viel Vitamin D.

Und wenn du dich jetzt schon wieder fragst: Aber was werden die anderen denken?, dann scrollst du bitte zurück und liest den Text ab "Dein Körper ist NICHT dazu da, um anderen zu gefallen" nochmal.



Du darfst deinen Körper lieben!

Schon wieder so ein verwegener Satz. Ich weiß, du hast mit deinem Körper nicht viel am Hut. Wenn du dich mit ihm beschäftigst, dann im Sinne von Kritik und Abwertung.
Du hast es nicht gelernt, dich um ihn zu kümmern, ihn zu pflegen und ihn zu lieben - das kam dir immer "weltlich" und total oberflächlich vor. Worauf es ankommt, ist doch das Herz, die Seele, der Geist - der unsichtbare Kern deines Wesens. Und in gewisser Weise stimmt das auch, du brauchst jetzt nicht in eine wahnhafte Körperoptimierung zu verfallen!
Aber: Du bist auch Körper. Gott hat dir nicht nur Herz, Geist und Seele gegeben, sondern auch einen Körper. Auch er ist eine gute Gabe Gottes. Auch für ihn bist du verantwortlich.

Deshalb hör bitte auf, deinen Körper dafür zu bestrafen, dass er nicht so ist, wie er deiner Meinung nach aussehen sollte.
Ich bin gerade dabei, das zu lernen: Auf meinen Körper zu hören, seine Signale ernst zu nehmen und ihm Gutes zu tun. Dann wirst du dich auch immer mehr in ihm zu Hause fühlen können - wenn es ihm gut geht!

Probier's doch mal aus, und geh mit deinem Körper so um wie mit einem geliebten Menschen.


Es wird besser!

Ich habe weiter oben geschrieben, dass dein Körper nie wieder so sehr dem allgemein akzeptieren Schönheitsideal entsprechen wird, wie heute. Aber damit meine ich NICHT, dass du dich nie wieder so wohl in deinem Körper fühlen wirst.
Paradoxerweise fühle ich mich heute, mit 31 Jahren, 10kg mehr auf den Rippen und zahlreichen Schwangerschaftsstreifen am Bauch wohler in meiner Haut als in deinem Alter! Objektiv gesehen habe ich dazu wahrscheinlich keinen Grund. Aber vielleicht werde ich ja doch immer weiser mit den Jahren... und lerne dazu.
Ja, ich mag mich wirklich immer lieber. Und das, obwohl ich aktuell nicht auf einen Diäterfolg oder sportliche Höchstleistungen zurückschauen kann.
Wenn ich in den Spiegel schaue, dann mag ich mich - an den meisten Tagen. Das ist so ein befreiendes Gefühl!

Ich will nicht länger eine andere sein - und ich akzeptiere mich mehr und mehr so wie ich bin.
Mit allen Dellen und Falten und Röllchen und Kilos und Streifen.
Sie gehören zu mir und zu meiner Geschichte.
Und gleichzeitig bin ich so viel mehr als sie, so viel mehr als meine Hülle und das, was ich (oder andere) darüber denken. (Meistens denken die anderen übrigens eh viel weniger über dich nach, als du vermutest. Wirklich wahr!)


Es gäbe zu diesem Thema noch vieles zu sagen, aber lass mich für heute schließen.
Was ich dir und mir wünsche, ist, dass wir beide uns diese Worte zu Herzen nehmen und dass sie uns verändern. Dass unser 41-jähriges Ich lächelnd auf uns schaut und sagt: "Jetzt haben sie's verstanden!"

Ich wünsche dir, dass du lernst, deinen Körper zu lieben und ihn anzunehmen als das, was er ist: ein wahres Wunderwerk, ein einzigartiges Geschenk Gottes an dich!

Mach was draus!

dein Ich








Kommentare:

  1. Liebe Reh,
    wunderschön geschrieben! Einfach ein herzliches DANKE dafür! Und mir geht es genauso wie dir! Als Jugendliche total unzufrieden mit dem Körper...Schwimmbad ging garnicht...was könnten denn die anderen denken...
    Jetzt mit viel mehr Bauch (schlaff) und SS-Streifen und und und...fühle ich mich aber auch wohler...paradox ...oder einfach weiser :-)

    LG Judith

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    1. Das ist wirklich verrückt... und es macht mich traurig, wenn ich daran denke, was ich damals verpasst habe oder nicht machen wollte. Ich denke an all die Teenager-Mädchen da draußen, zu denen auch meine Tochter irgendwann gehören wird, mit ihren jungen, wunderschönen Körpern und so viel Unsicherheit...
      Aber wie großartig, dass unser Wohlfühlen und Glück nicht davon abhängen muss, ob wir dem Schönheitsideal entsprechen oder nicht! Das Leben ist mehr! Und ja, wir werden weiser ;-)
      Ganz lieben Dank und viele Grüße!

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  2. Liebe RehBecca,
    ich schätze deinen Blog sehr, ergötze mich an deinen herrlichen Kunstwerken und bewundere deine schonungslose Ehrlichkeit und Offenheit! Würde auch viel öfter kommentieren wenn es nicht so mühsam wäre am Handy (PC nutze ich fast nie). Dieser Artikel (oder heißt das Post) tat mir gerade sehr gut. Bin selbst schon am anderen Ende der 30, aber Selbstbild / Annahme ist doch fast für jede Frau ein Thema. Hab deinen Post gleich mal meiner 18jährigen Nichte weitergeleitet. Die Anleitung zur Bikinifigur ist spitze, wäre als Postkarte sicher ein Renner...
    Also dann noch einen schönen Sommer!
    Liebe Grüße, Angela

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    1. Liebe Angela, schön, dass du hier bist und mitliest! Und danke auch für deinen lieben, wertschätzenden Kommentar, darüber habe ich mich sehr gefreut!
      Ich wünsche dir auch einen ganz schönen, befreiten Sommer mit ganz viel Eis und Schwimmen und Freude an deinem Körper! ;-)

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