Freitag, 22. Juni 2018

Vom Blühen und Wachsen


You don't have to be blooming
to be growing.

Ruth Chou Simons


Um mich herum ist alles bunt: Sogar mitten in der Stadt entdeckt mein schönheitshungriges Auge überall Blumen. Auf unserem Balkon zeigen sich die ersten knallgelben Kapuzinerkresseblüten, außerdem haben wir eine Wildblumenmischung ausgesät und erfreuen uns an Kornblumen und lauter anderen Blüten, deren Namen wir nicht kennen.
Auf dem Tisch stehen die wohl letzten Pfingstrosen in ihrer pinken Pracht und ich überlege, was für einen Strauß ich mir als nächstes kaufe...

Je älter ich werde, desto mehr liebe ich Blumen! Diese unglaubliche Vielfalt an Farben und Formen und Schönheit begeistert mich jeden Tag neu. Ranunkeln, Anemonen, Pfingstrosen, blau-violette Iris, Klatschmohn und Hortensie - ich kann mich gar nicht entscheiden, welches meine Lieblingsblume ist.

"Bloom, where you are planted" - Blühe da, wo Gott dich hingesät hat - ein Kärtchen mit diesem Spruch hängt gut sichtbar an meiner Pinnwand. Eine Blume sein, so voller Leben und Eleganz und Schönheit... ja, das wäre schön.
Meistens komme ich mir allerdings eher vor wie ein Mauerblümchen in einem Garten voll duftender Rosen. Ich sehe, wie Mädchen und Frauen in meiner Umgebung aufblühen und freue mich daran, und dann schaue ich auf mich und sehe - nichts.

Bald werde ich 32.
Ich kann mich noch gut an meinen 30. Geburtstag erinnern. Der war so schön! Kurz danach haben mein Mann und ich beschlossen, ein drittes Kind zu bekommen.

Fast zwei Jahre sind seitdem vergangen. Rein äußerlich hat sich bei uns nichts verändert: Ich bin Ehefrau und Mutter zweier Kinder (bei denen, zugegebenermaßen in den zwei Jahren auch äußerlich sehr viel passiert ist!), nach wie vor hauptsächlich Hausfrau, kleines Blogger-Licht und in der Gemeinde engagiert.
Da hat sich nicht viel getan. Keine neuen Triebe, keine Blüten (höchstens mal eine Stil-Blüte, haha), und schon gar kein duftendes Blütenmeer.
Keine Offenbarung, kein Wunder, keine Anweisung, keine Veränderung - Stillstand.

Eine Enttäuschung.

Und dann las ich Psalm 92. (Spoiler-Alarm: Der ist toll!)

Die Gottlosen grünen wie das Gras,
und die Übeltäter blühen alle - 
nur um vertilgt zu werden für immer.

***
Der Gerechte wird grünen wie ein Palmbaum,
er wird wachsen wie eine Zeder auf dem Libanon.
Die gepflanzt sind im Hause des Herrn,
werden in den Vorhöfen unseres Gottes grünen.
Und wenn sie auch alt werden,
werden sie dennoch blühen, fruchtbar und frisch sein,
dass sie verkündigen,
wie der Herr es recht macht.

Psalm 92, 8+13-16a


Das ist das Blöde an Blüten: Sie verwelken. Ziemlich schnell sogar. Ihre Pracht ist vergänglich, schon bald ist nichts mehr von ihrer atemberaubenden Schönheit zu sehen. Und das war's. Ab in die Tonne mit den schönen Pfingstrosen!

Als ich den Psalm las, fiel mir ein Zitat von Ruth Chou Simons ein, das ich einmal auf Instagram gefunden habe:

You don't have to be blooming to be growing. 
Du musst nicht blühen, um zu wachsen.

Nur, weil du in deinem Leben keine Blüten siehst (und schon gar keine Früchte), heißt das nicht, dass bei dir nichts passiert, dass kein Wachstum da ist!



Das wahre Wachstum findet im Verborgenen statt. Ein Baum muss seine Wurzeln immer weiter und tiefer ins Erdreich strecken, um wachsen zu können. So groß ein Baum an der Oberfläche erscheint, mit seinem Stamm und den Ästen und Blättern - seine Wurzeln können unter der Erde noch viel weiter reichen als seine Äste in den Himmel.

Eine Blume hat vergleichsweise kleine und schwache Wurzeln, sie kann leicht herausgerissen werden.
Ein Baum ist tief im Boden verwurzelt und kann so leicht nicht fallen.
Eine Blume blüht für eine kurze Zeit, viele nur ein einziges Mal - das ist ihre Bestimmung, und dann müssen sie vergehen.
Ein Baum trägt sein grünes Kleid (in unseren Breiten) für mehrere Monate, und jedes Jahr grünt und blüht er neu, für viele, viele Jahrzehnte.

In der Bibel wird der Mensch an mehreren Stellen mit Blumen oder Gras verglichen, um seine Vergänglichkeit auszudrücken.
Wir finden aber auch immer wieder den Vergleich des "Gerechten" mit einem Baum, der nahe am Wasser gepflanzt ist, der gute Früchte bringt, der immergrün und frisch ist (siehe Psalm 1 oder Jeremia 17).

So schön eine Pfingstrose auch ist - als Sinn- oder gar Vorbild für mein Leben taugt sie nicht viel.
Da möchte ich lieber ein Baum sein - eine Zeder oder eine Palme, gepflanzt im Haus des Herrn.
Mit tiefen Wurzeln in Seinem Wort, in Seiner Liebe.
Immergrün, fruchtbar, schattenspendend, treu. 

Ja, oberflächlich betrachtet passiert gerade nicht viel bei mir.
Manchmal höre ich Gott nicht, wandere durch wüste, triste Tage und frage mich, wann endlich wieder fruchtbare Zeiten kommen. Meine Seele ist durstig und möchte manchmal die Hoffnung verlieren.

Aber ich weiß, ich lerne es gerade, dass es darauf ankommt, in diesen Trockenzeiten meine Wurzeln noch tiefer in die Erde zu graben.
Nein, ich lasse Gott nicht! Ich verliere die Hoffnung nicht und ich gebe nicht auf. Lese jeden Tag in der Bibel, auch wenn Gott zu schweigen scheint. Gehe einen Schritt nach dem anderen, von dem ich glaube, das Gott ihn von mir will. Mache weiter, halte fest an dem, was ich für wahr und gut halte.
Ich tue das, was ein Baum tun kann: die Blätter in die Sonne halten, den Wind zwischen den Ästen hindurchpusten lassen und die Wurzeln tief und immer tiefer in die Erde versenken.
Das ist Wachstum.

Und irgendwann wird auch wieder die Zeit für Blüten und Früchte gekommen sein.


Deshalb beuge ich meine Knie vor dem Vater,
dass er euch Kraft gebe nach dem Reichtum seiner Herrlichkeit,
stark zu werden durch seinen Geist
an dem inwendigen Menschen,
dass Christus durch den Glauben in euren Herzen wohne
und ihr in der Liebe eingewurzelt und gegründet seid.
So könnt ihr mit allen Heiligen begreifen,
welches die Breite und die Länge und die Höhe und die Tiefe ist,
auch die Liebe Christi erkennen, die alle Erkenntnis übertrifft,
damit ihr erfüllt werdet mit der ganzen Gottesfülle.
Dem aber, der überschwänglich tun kann
über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen
nach der Kraft, die in uns wirkt,
dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus
zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit,
Amen.

Epheser 3,14-21




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